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Azad Muhiyuddin, Mitglied der Bewegung der Jugend im Westen:

»Die Kurdische Patriotische Konferenz ist nicht mehr als ein Name. Im Vergleich zur PYD hat sie nichts geleistet«


KURDWATCH, 21. März 2012 – Azad Muhiyuddin* (geb. 1981), ist Mitglied der Bewegung der Jugend im Westen und lebt in al‑Qamischli. Im Gespräch mit KurdWatch äußert er sich zur aktuellen Lage in der Dschazira und insbesondere zur Politik der Kurdischen Patriotischen Konferenz und der Partei der Demokratischen Union (PYD).


KurdWatch: Wie sieht aktuell die Situation in den kurdischen Gebieten beziehungsweise in der Dschazira aus?
Azad Muhiyuddin: Die Gegner des Regimes werden immer aktiver und auch die Demonstrationen werden immer größer. Die Bevölkerung hat immer weniger Angst. Gleichzeitig haben wir, die politisch aktiven Gruppen, untereinander diverse Probleme. Wir schaffen es bis heute nicht, gemeinsam zu demonstrieren. Allein in al‑Qamischli gibt es jede Woche mindestens vier getrennte Demonstrationen. Auf der einen Seite sind die Koordinationsgruppen, die Zukunftsbewegung und die islamischen Gruppen, auf der anderen Seite die Kurdische Patriotische Konferenz. Und dann gibt es auch noch die PYD. Die PYD verfolgt ihre eigene Politik, bei ihren Demonstrationen geht es vor allem um Öcalan und die Türkei, sie fordert nur selten den Sturz des Regimes. Wir hoffen, dass wir eines Tages alle gemeinsam demonstrieren werden. Allerdings wird die Hoffnung, dass dies tatsächlich gelingt, Tag für Tag geringer.

KurdWatch: Wie kommt es, dass nicht einmal die Gruppen der Kurdischen Patriotischen Konferenz gemeinsam demonstrieren?
Azad Muhiyuddin: Das Problem sind die Parteien. Während wir früher Angst hatten, dass der Geheimdienst die Jugendgruppen auseinanderbringen könnte, sind aktuell die kurdischen Parteien für diese Zersplitterung verantwortlich. Sie haben die Jugendbewegung geschwächt, jede Partei hat eine der Jugendgruppen auf ihre Seite gezogen und diese von sich abhängig gemacht. Diese Gruppen vertreten nur noch die Interessen der jeweiligen Parteien. Deshalb arbeiten die meisten Jugendgruppen nicht miteinander. Sie haben die Auseinandersetzungen, die die Parteien seit über vierzig Jahren führen, übernommen.

KurdWatch: Einige Experten sind der Meinung, dass sich die Kurdische Patriotische Konferenz spalten wird. Eure Gruppe gehört ebenfalls zur Kurdischen Patriotischen Konferenz. Was glaubt ihr?
Azad Muhiyuddin: Wir haben seit etwa zwei Monaten unsere Mitgliedschaft in der Kurdischen Patriotischen Konferenz eingefroren. Wir fühlen uns nicht mehr an die Entscheidungen der Konferenz gebunden. Es ist richtig, es gibt viele Unstimmigkeiten innerhalb der Konferenz. Sie besteht aus vielen kleinen Gruppen, und diese Gruppen können sich auf keine gemeinsame Linie einigen. Vor allem verlieren sie zunehmend das Vertrauen der Bevölkerung. Sie werden kritisiert, weil sie praktisch keine Aktivitäten entfaltet haben. Sie sind auf den Straßen kaum präsent. Die Kurdische Patriotische Konferenz ist nicht mehr als ein Name. Im Vergleich zur PYD hat sie nichts geleistet.

KurdWatch: Weshalb habt ihr eure Mitgliedschaft in der Kurdischen Patriotischen Konferenz eingefroren?
Azad Muhiyuddin: Die Konferenz verliert täglich an Glaubwürdigkeit. Die Konferenz kümmert sich nicht um die jungen Aktivisten. Bei der Gründung hieß es, man werde die jungen Leute unterstützen, wenn sie Hilfe benötigen, und an ihrer Seite demonstrieren. Nichts davon ist geschehen. Es sollten Komitees gegründet werden. Nichts davon ist passiert. Wegen der halbherzigen Arbeit der Konferenz haben wir unsere Mitgliedschaft eingefroren.

KurdWatch: Welche konkreten Probleme gibt es innerhalb der Kurdischen Patriotischen Konferenz? Wieso wird die Konferenz nicht aktiv?
Azad Muhiyuddin: Rund achtzig unabhängige Mitglieder der Kurdischen Patriotischen Konferenz haben erklärt, dass sie unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr bereit sind, in der Konferenz mitzuarbeiten. Sie wollen, dass die Konferenz praktische Arbeit in den kurdischen Gebieten leistet, und sie wollen mitentscheiden. Bisher treffen die Parteien die politischen Entscheidungen und die Arbeit auf den Straßen wird von den Jugendgruppen und den Unabhängigen organisiert. Wir, die Bewegung der Jugend im Westen, sind davon überzeugt, dass die Parteien unsere Arbeit behindern.

KurdWatch: Welche Haltung habt ihr zur PYD?
Azad Muhiyuddin: Bisher haben wir sie als Partei eingeschätzt, die auf Seiten des Regimes steht. Die PYD wurde sogar als Miliz des Regimes bezeichnet. Aber aktuell gibt sie sich ganz anders. Sie arbeitet sehr überzeugend und gewinnt immer mehr Anhänger. Die PYD hat aktive Komitees gegründet, die überall präsent sind. Ihre Mitglieder schlichten bei Auseinandersetzungen. Sie nehmen Diebe fest. Sie kümmern sich um Kranke oder Verletzte. Heute haben sie sich sogar mit den Sicherheitskräften in al‑Qamischli angelegt. Sie zeigen, dass sie eine kurdische Partei sind, die sich für die Interessen der Bevölkerung einsetzt. Die PYD wird immer beliebter, das müssen wir anerkennen, auch, wenn wir politisch unterschiedlicher Meinung sind und die PYD nicht unterstützen.

KurdWatch: Wie kommt es, dass die PYD innerhalb kürzester Zeit so stark geworden ist?
Azad Muhiyuddin: Am Anfang der Revolution hatte die PYD kaum Unterstützung. Im Gegenteil, sie wurde als Handlanger des Regimes gesehen. Die Leute hatten außerdem die 1980er und 1990er Jahre nicht vergessen, als die PKK Kritiker folterte, ihnen Ohren und Nasen abschnitt. Sollte Baschar al‑Assad an der Macht bleiben, würde sich diese Geschichte wiederholen. Aktuell bemüht sich die PYD jedoch, der Bevölkerung zu zeigen, dass sie die Interessen der Kurden vertritt. Deshalb haben sie Bürgerkomitees gegründet. Deshalb bieten sie zahlreiche Dienstleistungen an und sind in der Wohlfahrt tätig. Die Kurdische Patriotische Konferenz hätte in diesen Bereichen aktiv werden müssen. Das ist nicht geschehen, und die Menschen schließen sich denjenigen an, die etwas für sie tun. Außerdem erklärt die PYD der Bevölkerung, sie habe Kämpfer ins Land geholt, um die Menschen zu beschützen, sollten sie von den Arabern angegriffen werden.

KurdWatch: Die PYD wird dafür kritisiert, dass sie Leute entführt, foltert und sogar tötet. Wieso gewinnt sie trotz dieser Verbrechen weitere Unterstützer?
Azad Muhiyuddin: Als Mischʿal at‑Tammu umgebracht wurde, haben alle gesagt, die PKK beziehungsweise die PYD habe ihre Hand im Spiel gehabt, habe ihn umgebracht. Aber nach all den Aktivitäten, die die PYD entfaltete hat, glauben ihr die Leute, dass sie unschuldig ist. Die PYD kümmert sich um die Menschen, sie mobilisiert die Leute für ihre Demonstrationen. Was die Ermordung der Familie Badro betrifft [weitere Informationen zum Fall], sagt die PYD, das sei eine interne Angelegenheit der Partei. Und die Bevölkerung gibt sich mit dieser Erklärung zufrieden. Die PYD argumentiert, einer ihrer großen Kämpfer sei von Badros Kindern umgebracht worden. Ein Kämpfer, der mehr als fünfzehn Jahre lang dem türkischen Staat die Stirn geboten hat – und die Familie Badro hat ihn getötet, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist ihre Version der Geschichte. Sie sagt, die Familie Badro habe den Tod verdient. Sie kann die Bevölkerung überzeugen. Sie sagt, es würden nur Verräter entführt, Menschen, die unmoralische Dinge tun, Diebe bestraft und so weiter. Und die Menschen glauben das und finden das in Ordnung. Wenn wir ehrlich sind, die meisten in al‑Qamischli glauben der PYD.

KurdWatch: Ihr jungen Aktivisten habt mit dieser Revolution begonnen, weil ihr euch von einer Diktatur befeien wollt. Wie kommt es, dass ihr bereit seid, eine andere autoritäre Herrschaft zu akzeptieren?
Azad Muhiyuddin: Es gibt keine Alternative zur PYD. Auch wir Aktivisten können ihr nicht entgegentreten, auch wir sind keine Alternative. Hätte die Kurdische Patriotische Konferenz uns unterstützt und wäre selbst aktiv geworden, dann hätten wir frei unsere Meinung äußern und der PYD entgegentreten können. Hinzu kommt, dass die PYD derzeit den Eindruck zu erwecken sucht, dass sie von ihrem alten Alleinvertretungsanspruch Abstand genommen hat und abweichende Meinungen akzeptiert. Auf diese Weise hat sie einige der unabhängigen jungen Aktivisten, die in der Kurdischen Patriotischen Konferenz vertreten sind, an sich gebunden, man arbeitet zusammen. Die PYD sagt, solange ihr Öcalan nicht kritisiert und unsere Märtyrer nicht beleidigt, könnt ihr sagen was ihr wollt, ihr könnt uns jederzeit kritisieren. Die PYD versucht, sich als Garantin der Freiheit zu verkaufen – und hat viele mit dieser Argumentation überzeugt. Momentan können wir eine Zusammenarbeit nur schwer umgehen. Beispielsweise haben wir Sicherheitskomitees gebildet, unsere Leute sichern bestimmte Stadtviertel. Auch die Komitees der PYD tun das. Damit wir nicht aneinandergeraten, müssen wir Absprachen treffen. Ob wir wollen oder nicht, die PYD ist jetzt die stärkste Kraft in al‑Qamischli. Ohne die PYD geht gar nichts mehr. Was die PYD in fünfzehn Tagen gemacht hat, konnte die Kurdische Patriotische Konferenz in fünf Monaten nicht erreichen.

KurdWatch: Warum? Auch ihr wart in der Kurdischen Patriotischen Konferenz vertreten, wieso habt ihr nichts gemacht?
Azad Muhiyuddin: Ein Grund sind die alten Auseinandersetzungen der Parteien untereinander. Ein anderer Grund ist die fehlende finanzielle Unterstützung der Aktivisten und die mangelnde Bereitschaft der Konferenz, für die Bevölkerung tätig zu werden. Ich selbst glaube, dass die Kurdische Patriotische Konferenz in ihrer derzeitigen Form keinen weiteren Monat überleben wird. Es wird zu einer Spaltung kommen.

KurdWatch: Wie siehst du die Zukunft der Kurden Syriens?
Azad Muhiyuddin: Die PYD wird die kurdischen Gebiete kontrollieren, wird tun und lassen was sie will, niemand wird etwas dagegen tun können. Ich befürchte, dass ihre Ideologie diejenige der Baʿthisten ersetzen wird und es könnte sein, dass sich die Politik der 1980er und 1990er Jahre wiederholt. Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt. Ich hoffe, die PYD wird eine Kraft, die die Kurden beschützt und ihnen Freiheiten gewährt, statt sie ihnen zu nehmen. Ich sehe aber der Zukunft eher pessimistisch entgegen.

KurdWatch:
Wird die Türkei eine so dominante PYD an ihren Grenzen akzeptieren?
Azad Muhiyuddin: Die PYD sagt, dass die Türkei nicht selbst in Syrien einmarschieren wird, um sie zu bekämpfen, sondern dass sie die Freie Syrische Armee beauftragen wird, dies zu tun. Es könnte dann viele Tote geben. Ich selbst glaube auch nicht, dass die Türkei ohne weiteres zulassen wird, dass die PYD in den kurdischen Gebieten Syriens, direkt an ihrer Grenze, die Kotrolle übernimmt. Aber was die Türkei konkret dagegen tun wird? Ich weiß es nicht.

*Name von der Redaktion geändert.

12. März 2012

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