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Mustafa Dschumʿa, kurdischer Politiker:

»Die PYD hat Waffen und wir nicht. Sie werden uns alle töten«

KURDWATCH, 16. August 2012 – Mustafa Dschumʿa (geb. 1947 in ʿAin al‑ʿArab [Kobanî]) ist Vizepräsident des Kurdischen Nationalrats und Sekretär der Kurdischen Freiheitspartei in Syrien (Azadî). Am 24. Juni 2012 wurde er von Mitgliedern der Partei der Demokratischen Union (PYD) entführt, seit seiner Freilassung lebt er in Irakisch-Kurdistan. Das Interview, in dem er sich insbesondere zum Verhältnis seiner Partei zur PYD äußert, wurde wenige Tage vor der Entführung aufgezeichnet.


KurdWatch: Anfang Juni hat die PYD Mitglieder Ihrer Partei in ʿAfrin angegriffen, entführt und massiv öffentlich kritisiert. Wieso gerade Ihre Partei?
Mustafa Dschumʿa: In der Region ʿAfrin macht unsere Partei die Arbeit des Kurdischen Nationalrats. In den Dörfern, in denen die PYD uns angegriffen hat, haben politische Seminare stattgefunden. Es gab Veranstaltungen, an denen Tausende Menschen teilgenommen haben. Es fanden politische Diskussionen zur kurdischen Frage und politische Aktionen statt. Die PYD will zeigen, dass es nur sie gibt, dass nur sie Anhänger hat und dass die Bevölkerung tut, was die PYD will. Nachdem wir aktiv wurden und die Bevölkerung gesehen hat, dass wir zahlreiche Anhänger haben, hat die PYD angefangen, Probleme zu machen. Sie hat Dörfer angegriffen, zum Teil mit dreihundert bis vierhundert Personen, und unsere Freunde entführt. Ich glaube, unsere Aktivitäten und unsere klare Position zur syrischen Revolution sind der Hauptgrund für diese Angriffe gewesen. Die PYD unterstützt die Revolution zur Zeit nicht. Die PYD behauptet zwar, für die Revolution zu sein, ihr Handeln ist jedoch gegen die Revolution gerichtet. Die PYD bekämpft diejenigen, die die Revolution unterstützen.

KurdWatch: Im Kurdischen Nationalrat gibt es neben der Azadî fünfzehn weitere Parteien. Wollen Sie sagen, dass diese Parteien die Revolution nicht unterstützen oder in ʿAfrin nicht tätig sind? Tatsächlich hat es seit Beginn der Revolution in ʿAfrin kaum Aktivitäten des Kurdischen Nationalrats gegeben, Ihre Partei eingeschlossen. Wieso ist Ihre Partei erst in letzter Zeit so aktiv geworden?
Mustafa Dschumʿa: Ungefähr zehn der im Kurdischen Nationalrat vertretenen Parteien existieren im Grunde in ʿAfrin nicht oder haben dort nur ein oder zwei Mitglieder. Diese Situation haben wir in ganz Syrisch-Kurdistan. Die Parteien sind nicht gleich stark. Es gibt Parteien, die haben in ganz Syrien nicht einmal fünfzig Mitglieder. Ich werde keine Partei namentlich nennen. Es gibt aber zwei, drei Parteien, die in ʿAfrin existieren. Dazu gehören die Azadî, die Demokratische Yekîtî und ʿAbdulhakim Baschars el‑Partî. Bedauerlicherweise unterstützen sie die Revolution nicht wie erwartet. Wir haben uns daher verpflichtet gefühlt, aktiv zu werden. Leider sind unsere Aktivitäten wieder zurückgegangen, weil die PYD sich gegen uns gestellt hat. Innerhalb des Kurdischen Nationalrats gab es die Position, dass wir Auseinandersetzungen mit der PYD aus dem Weg gehen sollten. Die Azadî hat dann drei, vier kleinere Aktionen organisiert, aber selbst diese wurden angegriffen. Anfang des Jahres haben dann alle kurdischen Parteien in ʿAfrin gemeinsam eine große Demonstration mit fünfzehn- bis zwanzigtausend Teilnehmern organisiert. Am darauffolgenden Freitag hat die PYD verhindert, dass demonstriert wird. Allein siebenundsechzig unserer Parteifreunde wurden verletzt, aber auch andere. Die Beteiligung der anderen Parteien war allerdings gering. Die Leute haben dennoch demonstriert. Ein wesentlicher Grund, warum die anderen Parteien hier keinen Einfluss haben, liegt darin, dass sie sich der PYD nicht entgegenstellen. Die Azadî ist anders. Das gefällt der PYD nicht, deshalb greift sie vor allem die Azadî an.

KurdWatch: Gab es noch Aktivitäten, nachdem die Demonstration angegriffen wurde?
Mustafa Dschumʿa: Es hat keine weiteren Demonstrationen gegeben. Das war die Entscheidung des Kurdischen Nationalrats. Er hat die Entscheidung getroffen, dass wir keine weiteren Aktionen in ʿAfrin durchführen werden, um nicht mit der PYD aneinanderzugeraten.

KurdWatch: Hat es in letzter Zeit keine politischen Veranstaltungen gegeben?
Mustafa Dschumʿa: Wir waren gezwungen, uns an die Entscheidung des Kurdischen Nationalrats zu halten. In letzter Zeit wurde jedoch erwartet, dass der Kurdische Nationalrat in ʿAfrin aktiv wird. Uns wurde gesagt, dass der Rat nicht so weiter machen könne wie bisher. Daher wurde die Entscheidung getroffen, Seminare abzuhalten. Die Seminare wurden von unseren Parteimitgliedern durchgeführt. Das war der Grund, weshalb wir und die PYD aneinandergeraten sind.

KurdWatch: Wie viele Seminare wurden durchgeführt?
Mustafa Dschumʿa: In letzter Zeit haben wir vier Seminare abgehalten, dann gab es diesen Angriff.

KurdWatch: Die PYD behauptet, die Azadî hätte sie mit Bomben angegriffen.
Mustafa Dschumʿa: Das stimmt absolut nicht. Wir haben niemanden angegriffen. Diese Behauptung hat die PYD über Ronahî‑TV und andere Medien verbreitet. Die PYD hat mit dreihundert bis vierhundert Kämpfern Dörfer angegriffen. Sie hat Autos und anderes Eigentum entwendet. Nachdem sie Leute entführt hat, haben wir entschieden, mit ihr nicht mehr zu verhandeln. Sie wollten unbedingt, dass wir uns mit ihnen treffen, damit sie uns die entführten Personen übergeben können. Wir haben ein Treffen verweigert und gesagt, sie sollten die Entführungsopfer dem Kurdischen Nationalrat in ʿAfrin übergeben. Bisher haben wir uns nicht mit der PYD getroffen. Wir haben keine Fehler gemacht. Wir haben für die Kurden gearbeitet, wir haben politische Arbeit geleistet, wir hatten keine Waffen und wir haben niemanden verletzt.

KurdWatch: Um ʿAfrin herum wird gekämpft und die Freie Syrische Armee hat einige Gebiete bereits unter ihrer Kontrolle. Im Internet gibt es Videos junger Kurden, die keine Sympathisanten der PYD sind, und die behaupten, bewaffnete Gruppen gebildet zu haben, um gegen die Regierung zu kämpfen. Stimmt das?
Mustafa Dschumʿa: Nein. Keiner unserer jungen Leute hat zu den Waffen gegriffen und keiner ist bereit, das zu tun. Allerdings gibt es im Norden von Aleppo Kämpfe. Man kann sogar behaupten, dass die Freie Syrische Armee den ganzen Norden von Aleppo unter ihrer Kontrolle hat. Bis zu einem bestimmten Grad hat sie die Verwaltung in diesen Bezirken übernommen. Auch im Süden von Aleppo gibt es schwere Kämpfe. Aber was die kurdischen Jugendlichen anbelangt, wird übertrieben. Ich kenne mich mit der Lage dort gut aus. So etwas gibt es absolut nicht. Wir wollen das auch nicht. Wir haben immer noch die Hoffnung, dass die Kurden sich nicht bewaffnen. Weil das Regime nicht in unsere Region kommt. Wir wissen genau, wieso wir tun, was wir tun. Wir wollen, dass die Kurden ihre Arbeit friedlich machen. Wir sind nicht der Meinung, dass die PYD das Recht hat, Waffen zu tragen. Auch andere sollten keine Waffen tragen, damit wir nicht gegeneinander kämpfen. Die Kurden würden diese Waffen früher oder später auch gegeneinander richten, ich befürchte, dass es sogar Tote geben würde. Wir hoffen, dass es eine Einigung zwischen der PYD und den anderen kurdischen Parteien geben wird, damit die PYD ihre Waffen niederlegt. Die PYD hat Kontrollpunkte an den Straßen errichtet. Das hat zum Teil zu Unzufriedenheit geführt und einige Leute haben die Kontrollpunkte zerstört. Die PYD organisiert Demonstrationen und bezeichnet diese Leute als ehrlos. Sie ruft die Bevölkerung auf, die Kontrollpunkte zu schützen. Wenige Leute sind ihrem Aufruf gefolgt. Die PYD nennt jetzt alle, die ihrem Aufruf nicht gefolgt sind, ehrlos. Die Kontrollpunkte und die Waffen in den Händen der PYD werden die Kurden in eine missliche Lage bringen.

KurdWatch: Der Volksrat von Westkurdistan hat heute erklärt, aufgrund des Angriffs bei al‑Malikiya auch seine Kontrollpunkte in der Dschazira zu bewaffnen. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Mustafa Dschumʿa: Die Kontrollpunkte der PYD waren schon vorher bewaffnet. Sie tut jetzt so, als sei sie gezwungen, ihre Kontrollpunkte zu bewaffnen. Sie wollen deutlich machen, dass sie zu töten bereit sind. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommen wird. Ich war gestern in al‑Qamischli. Die PYD hat ihre jungen Leute mit Messern bewaffnet vor der Qasimomoschee postiert. Rund um den Bezirk al‑Hilaliya patrouillierten etwa hundert Vermummte, man sah nur ihre Augen. Sie sahen aus, als wären sie bereit, Menschen zu töten. Sie waren alle mit Eisenstangen und Messern bewaffnet. So führen sie ihre Demonstrationen durch. Dürfen wir Kurden so etwas in unseren Gebieten zulassen? Ich sage, was hier geschieht ist schlecht und eine große Gefahr für Syrisch-Kurdistan. Es stehen ausländische Kräfte hinter dieser Entwicklung. Wir hatten gehofft, dass Einige [die Regierung] in [Irakisch‑]Kurdistan oder der Kurdische Nationalrat die Sache in die Hand nimmt. Bedauerlicherweise wurden in dieser Richtung keine positiven Entscheidungen getroffen. Wir mussten lange drängen, bis sie [der Kurdische Nationalrat] eine Erklärung verabschiedet haben, in der die Entführung unseres Freundes durch die PYD verurteilt wird.

KurdWatch: In Irakisch-Kurdistan wurde ein Abkommen zwischen der PYD und dem Kurdischen Nationalrat unterzeichnet. Wie ist es zu dieser Vereinbarung gekommen? Wessen Initiative war das Papier?
Mustafa Dschumʿa: Eine Delegation von uns ist schon seit längerem in der Region und auch die PYD hatte eine Delegation dorthin geschickt. Anscheinend ist es mit Hilfe des Büros von Präsident Barzani zu dem Treffen gekommen. Das Büro des Präsidenten hielt es für wichtig, dass die Kurden in Syrien die aktuelle Situation gemeinsam meistern und die Unterdrückung mit friedlichen Mitteln beendet wird.

KurdWatch: Wieso eine Vereinbarung in Erbil? Kann Barzani die PYD unter Druck setzten? Hätte solch eine Vereinbarung nicht eher in Qandil unterschrieben werden müssen? Vertreter des Kurdischen Nationalrats waren in Qandil, wieso haben sie nicht dort diese Vereinbarung unterschrieben?
Mustafa Dschumʿa: Dieser Meinung bin ich auch. Ich habe gesagt, das Büro des Präsidenten übernimmt eine wichtige Rolle. Es ist gut, dass das Abkommen unter seiner Kontrolle zustande gekommen ist. Aber diese Vereinbarung wird keinen Erfolg haben, wenn sie nicht auch die Unterschrift der PKK trägt. Wieso ist die Unterschrift des Präsidialbüros auf dem Dokument und nicht die der PKK? Dann hätte die Vereinbarung vielleicht ein Erfolg werden können. Das Exekutivkomitee des Kurdischen Nationalrats wird in den nächsten Tagen über das Dokument beraten und entscheiden, ob wir ihm zustimmen oder nicht. Auch der Volksrat von Westkurdistan der PYD muss erst noch unterschreiben. In Gesprächen, die unser Komitee mit der PYD führte, sagte sie immer wieder, dass Fehler gemacht würden. Aber sie macht immer wieder dieselben Fehler. Auf der Straße macht sie, was sie will, nichts läuft wie abgesprochen.

KurdWatch: Was haben die Vertreter des Kurdischen Nationalrats in Qandil erreicht?
Mustafa Dschumʿa: Ich weiß nicht, was genau besprochen wurde. Wir wurden über das Gespräch nicht informiert. Über die Presse haben wir erfahren, dass Hamid [ʿAbdulhamid Hadschi Darwisch] und Muhammad Musa dort waren. Die beiden sind jedoch keine Mitglieder des Komitees, das bei uns die Gespräche mit der PYD führt. Es hätten Mitglieder dieses Komitees dorthin fahren müssen. Diese Vereinbarung hätte in Qandil zustande kommen müssen, damit hätte auch die PKK Verantwortung übernommen.

KurdWatch: Sie sagen, dass Sie über die Medien erfahren haben, dass Mitglieder des Kurdischen Nationalrats in Qandil waren. Wie kommt das? Gibt es bei Ihnen keine Absprachen?
Mustafa Dschumʿa: So ist es. Und es gibt mehr solche Beispiele: Erst, als unsere Delegation bei der Konferenz der syrischen Opposition in Istanbul war, haben wir von ihrer Teilnahme dort erfahren. Die Abstimmung ist etwas schwach. Weil die Führung des Kurdischen Nationalrats verschiedenen politischen Richtungen angehört, macht jeder sein Ding und kümmert sich wenig um die anderen.

KurdWatch: Haben Sie kein gemeinsames Gremium, in dem Entscheidungen getroffen werden?
Mustafa Dschumʿa: Doch. Wir haben das Generalsekretariat, das Exekutivkomitee und die Generalversammlung. Die Generalversammlung des Kurdischen Nationalrats findet alle sechs Monate statt, das Exekutivkomitee trifft sich alle zwei Monate, in dringlichen Fällen kann eine Sitzung vorgezogen werden, und die Sitzung des Generalsekretariats kann jeden Monat oder sogar alle zwei Wochen abgehalten werden. Ich bin mit Ismaʿil Hami im Exekutivkomitee. Leider gibt es keine Kommunikation. Wir hatten gehofft, dass dieses Komitee effizienter arbeitet würde, und dass unser Komitee für Auslandskontakte uns Berichte schickt, mit den Unterschriften aller Vertreter. Wir haben bislang jedoch keinen Bericht erhalten.

KurdWatch: Ein Szenario für Syrien ist, dass das Regime zerfällt, dass es keine Sicherheitsorgane mehr gibt und Anarchie ausbricht. Werden in diesem Fall nicht Komitees zum Schutz der Bevölkerung benötigt? Komitees, wie die PYD sie hat? Sollte nicht auch der Kurdische Nationalrat solche Vorbereitungen treffen?
Mustafa Dschumʿa: Doch, das ist alles richtig. Bedauerlicherweise ist die PYD uns allen voraus. Sollte der Kurdische Nationalrat eine Rolle spielen wollen, muss er mit dem Volksrat der PYD zusammenarbeiten. Die PYD hat sich durchgesetzt. Sie organisiert sich und ist überall präsent. Alle Gebiete in Syrisch-Kurdistan bringt sie unter ihre Kontrolle. Und sie akzeptiert niemanden neben sich. Wenn sie andere akzeptieren würde, hätte sie uns nicht angegriffen. Für die PYD gibt es nur die PYD, und wer arbeiten will, muss das unter ihrer Schirmherrschaft tun.

KurdWatch: Sie machen die PYD verantwortlich. Aber seit einem Jahr hat der Kurdische Nationalrat nicht ein einziges Komitee zum Schutz der Bevölkerung geschaffen. Liegt das nicht vor allem am Kurdischen Nationalrat selbst?
Mustafa Dschumʿa: Ja, das ist richtig. Bedauerlicherweise haben wir solch eine Entscheidung nicht getroffen. Vor einigen Monaten habe ich im Exekutivkomitee vorgeschlagen, dass wir Komitees zum Schutz der Bevölkerung aufbauen, für den Fall, dass das Regime sich aus der Region zurückzieht. Damit es eine Alternative zur PYD gibt. Zur Not sollten wir auch mit der PYD zusammenarbeiten. Keiner hat den Vorschlag unterstützt. Ich sage es noch einmal: Der Kurdische Nationalrat kann wichtige Entscheidungen nicht treffen. Wenn aber keine gemeinsamen Entscheidungen zustande kommen, bedeutet dies, dass ein oder zwei Parteien aktiv werden müssen. Gleichzeitig ist das ein Fehler. Wir wollten im Namen des Kurdischen Nationalrats aktiv werden.

KurdWatch: Wenn der Kurdische Nationalrat seine Aufgaben nicht wahrnimmt, ist es doch Ihr gutes Recht, als unabhängige Partei Aktivitäten zu entwickeln.
Mustafa Dschumʿa: Es ist unser Recht. Und zumindest in ʿAfrin haben wir politisch von unserem Recht Gebrauch gemacht. Aber die PYD hat unsere Mitglieder festgenommen und gefoltert. Noch einmal: die PYD hat Waffen und wir nicht. Sie werden uns alle töten.

22. Juni 2012

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