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ʿAbdussalam ʿUthman, Politiker und Aktivist: 

»Khabat Derki hat mich entführt, er hat mir die Pistole an den Kopf gehalten«


KURDWATCH, 25. Dezember 2012 – ʿAbdussalam ʿUthman (geb. 1977), ist Gründungsmitglied der Union der Kooperationen der Kurdischen Jugend in Syrien und der Kurdischen Zukunftsbewegung in Syrien. Der Aktivist, der seit seinem fünften Lebensjahr unter Kinderlähmung leidet, floh aus Syrien, nachdem er von der PKK bedroht wurde. Nach mehreren Monaten in Istanbul erhielt er schließlich politisches Asyl in Deutschland. Im Gespräch mit KurdWatch äußert er sich zur aktuellen Lage der Koordinationsgruppen in den kurdischen Gebieten und zu seiner Entführung durch die PKK.

KurdWatch: Seit Beginn der Revolution in den kurdischen Gebieten wurden zahlreiche Koordinationsgruppen gegründet. Kannst du die wichtigsten vorstellen und etwas zu ihrer Entstehungsgeschichte sagen?
Ebdulselam Osman: Die erste Koordinationsgruppe, die gegründet wurde, hieß Koordination der Jugend des Widerstands. Sie hat am 1. April 2011 die erste Demonstration in al‑Qamischli organisiert. Wir haben vor der Qasimomoschee mit der Demonstration begonnen und haben Freiheit für alle Völker Syriens gefordert. Nach zwei Wochen wurde die Allianz der Bewegung Junger Kurden gegründet. Zu dieser Zeit gab es auch eine Gruppe, die sich Jugend der Dschazira nannte, auch sie wollten sich der Revolution anschließen. Drei Wochen später hat sich die Allianz gespalten. Die Abspaltung hat sich Allianz der Sewa–Jugend genannt. Später gab es ein Treffen, alle Koordinationsgruppen sollten unter einem Dach arbeiten. Es wurde entschieden, den Allgemeinen Rat der Kurdischen Jugendbewegungen zu gründen. In diesem Rat waren die Jugend des Widerstands, die Allianz der Bewegung Junger Kurden, die Allianz der Sewa–Jugend und die Jugend der Dschazira vertreten. Bedauerlicherweise ist auch diese Vereinigung auseinandergebrochen. Die Sewa-Jugend und die Allianz der Bewegung Junger Kurden haben den Verbund verlassen. In der Zwischenzeit wurden auch in den anderen kurdischen Gebieten viele Koordinationsgruppen gegründet und so haben wir Aktivisten nach al‑Malikiya, Ras al‑ʿAin, ʿAin al‑ʿArab, ʿAfrin, Aleppo, ar‑Raqqa und Tall Abyad geschickt und am 7. Juli 2011 die Union der Kooperationen der Kurdischen Jugend in Syrien gegründet.

KurdWatch: Anfangs gab es nur in al‑Qamischli Demonstrationen. Hattet ihr zu Aktivisten in den anderen Städten Kontakt? Wer hat die dortigen Gruppen gegründet?
Ebdulselam Osman: Wir haben damals Kontakt zu Aktivisten in anderen Städten aufgenommen und diese haben dann Koordinationsgruppen gegründet. Danach haben auch in diesen Städten Demonstrationen stattgefunden. Nur in ʿAmuda sah die Situation anders aus. Dort haben Aktivisten schon vor uns demonstriert. Sie haben lange Zeit unter einem gemeinsamen Namen agiert, sie nannten sich die Jugend von ʿAmuda.

KurdWatch: Welche Koordinationsgruppen sind heute wichtig?
Ebdulselam Osman: Die Union der Kooperationen der Kurdischen Jugend in Syrien, Avahî, die Jugend der Geburt der Freiheit, die Bewegung der Kurdischen Revolutionsjugend, die Kurdische Jugendbewegung und Sewa. Das sind die wichtigsten.

KurdWatch: Kannst du ein paar Sätze zu jeder Gruppe sagen? Welche politischen Programme haben sie und wie unterscheiden sie sich?
Ebdulselam Osman: Sie haben alle kein Konzept für die politische Zukunft Syriens. Sie unterscheiden sich auch politisch kaum. Eine Ausnahme ist die Bewegung der Kurdischen Revolutionsjugend. Diese Gruppe hat ein Programm für Gesamtsyrien. Die meisten der anderen Koordinationsgruppen betreiben eine explizit kurdisch ausgerichtete Politik, wobei sie in der Regel die Rechte der Kurden innerhalb Syriens realisieren wollen.

KurdWatch: Kannst du etwas zur Zahl ihrer Anhänger sagen und wo sie aktiv sind?
Ebdulselam Osman: Die Gruppen, die ich genannt habe, sind überwiegend in der Dschazira aktiv und die große Mehrheit ihrer Mitglieder lebt dort. Anfänglich hatten die Koordinationsgruppen großen Zulauf. Nach einiger Zeit hat das nachgelassen. Die Menschen haben gesehen, dass die Koordinationsgruppen sich immer mehr wie unsere Parteien verhalten. Zurzeit sind sie sehr schwach, sie können die Gesellschaft nicht verändern.

KurdWatch: Als junge Leute in den kurdischen Gebieten begonnen haben, die ersten Koordinationsgruppen zu bilden und Demonstrationen zu organisieren, wurden große Hoffnungen in diese Aktivisten gesetzt. Man ging davon aus, dass sie neue politische Ideen in die Gesellschaft hineintragen, die politischen Parteien wachrütteln und selbst eine führende politische Rolle übernehmen würden. Tatsächlich spielen sie nach fast zwei Jahren Revolution kaum eine Rolle. Warum?
Ebdulselam Osman: Anfänglich sah es so aus, als könnten sie eine wichtige Rolle spielen. Die jungen Leute, die Demonstrationen organisiert haben, waren sehr motiviert, das Regime zu stürzen und für die kurdische Gesellschaft neue Perspektiven zu eröffnen. Aber sie haben es versäumt, ein Programm für die Zukunft Syriens zu entwickeln. Daher konnten die Parteien sie leicht beeinflussen, sie wurden wie die Parteien. Die Krankheit der kurdischen Parteien hat auch die Koordinationsgruppen infiziert. Die Parteien haben die Koordinationsgruppen gespalten. Sie agieren nicht nur wie die Parteien, nein, sie arbeiten unter deren Schirmherrschaft, und das ist noch schlimmer. Ein weiteres Problem besteht darin, dass einige der aktuellen Führungspersonen der Koordinationsgruppen nie an der Basis aktiv waren. Sie haben nie Demonstrationen organisiert.

KurdWatch: Zu welchen Parteien gehören welche Koordinationsgruppen?
Ebdulselam Osman: Die Kurdische Jugendbewegung sympathisierte zunächst mit der Kurdischen Einheitspartei in Syrien (Yekîtî) von Ismaʿil Hami. Immerhin unterstützte die Yekîtî verbal die Revolution, sie war uns deshalb politisch nah. Jetzt bekommt die Kurdische Demokratische Partei in Syrien (el-Partî) von ʿAbdulhakim Baschar die Gruppe immer mehr unter ihre Kontrolle. Das zeigt, wie opportunistisch sie ist. Die Bewegung Syrisch-Kurdistan steht ʿAbdulhamid Hadschi Darwisch nahe. Nachdem die Kurdische Jugendbewegung Mitglied im Kurdischen Nationalrat geworden ist, hat sie sich ebenfalls den kurdischen Parteien angenähert, sie hat im Kurdischen Nationalrat nicht die Rolle spielen, die sie hätte spielen sollen. Die Avahî-Allianz ist nicht Mitglied im Kurdischen Nationalrat, ich glaube, das liegt daran, dass sie Mitglied im Hohen Führungsrat der Syrischen Revolution ist. Dieser Rat wird von den Muslimbrüdern dominiert. Sie sind aber fast nur in ʿAmuda vertreten und hatten nur einige wenige Aktivisten in al‑Qamischli, die sich inzwischen abgewandt haben.

KurdWatch: Kommen wir zu dir. Du gehörtest zu den ersten Aktivisten der syrischen Revolution in den kurdischen Gebieten. Welchen Schwierigkeiten bist du persönlich begegnet?
Ebdulselam Osman: Die Sicherheitsdienste, vor allem der Staatssicherheitsdienst, haben mich immer wieder bedroht. Sie wollten mich verhaften und zuletzt töten. Auch das Direktorat für politische Sicherheit hat sich für mich interessiert. Ich bin insgesamt zwölf Mal vor dem Strafgericht in al‑Qamischli angeklagt worden, zumeist wegen Teilnahme an ungenehmigten Demonstrationen, Ruhestörung und Angriffen auf Staatsicherheitsbeamte. Gleichzeitig hat man kurdische Gewährsleute zu mir geschickt, um mich zu überzeugen, nicht mehr politisch aktiv zu sein oder auf die Seite des Regimes zu wechseln. Am 10. August 2011 wurde ich entführt, abends, als ich von einer Demonstration nach Hause wollte. Ich wurde von der PKK entführt. Sie haben mich drei Tage festgehalten. Am letzten Tag haben sie mir gesagt: »Wir wollen, dass du für uns arbeitest. Wir wollen die kurdische Gesellschaft für uns gewinnen und du kannst uns dabei unterstützen. Wir wollen, dass die kurdische Straße uns akzeptiert.« Außerdem haben sie mir gedroht: »Denk bloß nicht, dass wir dich nicht jederzeit wieder festnehmen können. Wo du auch sein magst, wir können dich finden und mitnehmen.«

KurdWatch: Wo und wie wurdest du entführt?
Ebdulselam Osman: Sie haben mich in al‑ʿAntariya entführt. Der Staatssicherheitsdienst und das Direktorat für Politische Sicherheit haben die Entführung über einen Mann arrangiert, der ʿAbdulʿaziz Yunis heißt. Er war bekannt dafür, dass er mit dem syrischen Geheimdienst zusammenarbeitet. Er rief mich an und wollte zu mir nach Hause kommen. Ich habe abgelehnt. Wir haben uns dann in einem Restaurant getroffen. Er hat mir gesagt, dass das Regime nicht will, dass wir die Revolution unterstützen. Er wollte, dass ich mit dem Regime zusammenarbeite. Ich habe abgelehnt. Ich habe gesagt, dass ich das nicht kann, und dass das ganze Volk diese Revolution unterstützt. An diesem Tag gab es eine Demonstration, an der ich teilgenommen habe. Nach der Demonstration hat Yunis gesagt, ich soll die jungen Leute davon abbringen, in die Innenstadt zu laufen. Yunis wollte mich zu ihnen bringen. Ich bin mit ihm in seinen Wagen gestiegen, gemeinsam mit einer weiteren Person aus al‑ʿAntariya, die wir nach Hause gefahren haben. Yunis fuhr dann weiter, in eine Sackgasse. Er hielt, und als ich mich nach rechts drehte, öffnete jemand die Tür und hielt mir eine Pistole an den Kopf. Er hat mich aus dem Wagen und hinter sich hergezogen, in ein anderes Auto.

KurdWatch: Wohin haben sie dich gebracht?
Ebdulselam Osman: Ich weiß es nicht genau. In die Nähe von al‑Malikiya.

KurdWatch: Woher weißt du, dass die PKK dich entführt hat?
Ebdulselam Osman: Khabat Derki [ein bekannter PKK‑Funktionär, der 2012 bei einer Auseinandersetzung in al‑Qamischli erschossen wurde – weitere Informationen zum Fall] hat mich entführt, er hat mir die Pistole an den Kopf gehalten. Sie haben mir auch selbst gesagt, dass sie von der PKK sind.

KurdWatch: Hast du deshalb im Dezember 2011 das Land verlassen?
Ebdulselam Osman: Ich habe nicht tun wollen, was von mir verlangt wurde. Mir war klar, wenn mich das Regime nicht umbringt, würde die PKK mich töten. Deshalb bin ich geflohen.

KurdWatch: Wieso gerade in die Türkei?
Ebdulselam Osman: Das war für mich damals die einzige Möglichkeit. Ich stand sozusagen zwischen zwei Fronten. Ich war gezwungen, Richtung Türkei zu fliehen. Ich habe zunächst bei Verwandten in Mardin gelebt. Dann gab es Hinweise, dass die PKK mich sucht. Daraufhin bin ich weiter nach Istanbul.

KurdWatch: Viele Aktivisten der ersten Stunde haben das Land verlassen und sind in die Türkei gegangen. Dafür werden sie kritisiert. Findest du die Kritik berechtigt?
Ebdulselam Osman: Ich finde die Kritik nicht berechtigt und ich kann hier auch kein Problem erkennen. Viele Aktivisten leben in der Türkei und ein Teil ist nach Irakisch-Kurdistan geflohen. Diejenigen in der Türkei können viel freier ihrer politischen Arbeit nachgehen als diejenigen in Irakisch-Kurdistan. Die Aktivisten in Irakisch-Kurdistan sind bei weitem nicht so aktiv, wie diejenigen in der Türkei. Sie werden beobachtet und haben nicht die Freiheiten, die wir in der Türkei haben.

KurdWatch: Warum ist das so?
Ebdulselam Osman: Beide Länder haben Interessen. Je nach Interessenslage gewähren die einen mehr Freiheiten und die anderen weniger.

KurdWatch: Du bist seit gestern in Deutschland, die Bundesregierung hat dich bereits in der Türkei als politischen Flüchtling anerkannt. Was sind deine Hoffnungen?
Ebdulselam Osman: Wir haben diese Revolution begonnen, um ein freies Leben zu führen. Obwohl ich nicht mehr in Syrien lebe, setze ich immer noch große Hoffnungen in diese Revolution. Wir sind weit weg, aber wir sind noch aktive Revolutionäre. In unserem Gebiet ist die Revolution noch immer nicht so weit fortgeschritten wie in anderen Teilen des Landes. Wir arbeiten daran, dass die Revolution auch bei uns stärker wird. Für mich persönlich beginnt hier in Deutschland ein neues Leben. Als Rollstuhlfahrer habe ich hier ganz andere Möglichkeiten als in Syrien oder in der Türkei. Darauf freue ich mich, ich will diese Chance nutzen, um politisch noch aktiver zu werden.

KurdWatch: Aus einer friedlichen Revolution ist eine sehr blutige geworden. Auch die Opposition wird immer gewalttätiger. Salafisten und al‑Qaida-Gruppen spielen aufseiten der Opposition eine immer größere Rolle. Woran liegt das?
Ebdulselam Osman: Die Demonstranten, die für mehr Freiheit auf die Straße gegangen sind, waren friedlich. Das brutale Vorgehen des Regimes hat die Menschen gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Hätten sie sich nicht bewaffnet, hätte das Regime sie ausgerottet. Sie haben die Waffen erhoben, um die Menschen, um sich zu schützen. Heute haben wir es mit einer bewaffneten Revolution zu tun. Darauf hätten sich auch die Kurden vorbereiten müssen. Sie haben dies bedauerlicherweise nicht getan. Sie haben sich nicht bewaffnet.

KurdWatch: Ist die PYD vorbereitet?
Ebdulselam Osman: Ja. Aber was immer die PYD tut, sie tut es nicht für die Kurden oder die Revolution in Syrien, sondern nur für die PKK.

KurdWatch: Was will die PYD bzw. die PKK in Syrien?
Ebdulselam Osman: Unsere Gebiete sind für die PKK wie eine Kuh, die sie melken kann. Die PKK verdient mit der Kontrolle der Grenzen, dem Gas- und Spritverkauf und mit anderen Aktivitäten viel Geld. Die meisten Häftlinge der PKK sind entlassen worden. Sie hat ihre vom syrischen Regime beschlagnahmten Raketen zurückerhalten. Sie wollen wie von Mitte der 1980er bis Ende der 1990er Jahre Syrien als Rückzugs‑ und Ausbildungsgebiet für ihre Kämpfer nutzen. Die PKK und das Regime von Baschar al‑Assad sind einander sehr ähnlich. Baschar al‑Assad interessiert sich nicht für das syrische Volk. Es ging ihm immer um sich selbst und um seine Familie. Der PKK geht es nur um ihre Parteiinteressen.

1. Dezember 2012

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