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Dschigarkhwin ʿAbdurrazzaq Mula Ahmad, Aktivist und ehemaliger Häftling im Zentralgefängnis von Aleppo:

»Sie haben uns als menschliche Schutzschilde benutzt«

KURDWATCH, 18. März 2014 – Dschigarkhwin ʿAbdurrazzaq Mula Ahmad (geb. 1985 in al‑Qamischli) ist Student und Aktivist. Er wurde am 3. März 2012 in Aleppo verhaftet und am 13. Oktober 2013 auf Antrag seines Anwalts gegen Kaution freigelassen. Ein Gerichtsverfahren gegen ihn ist noch anhängig. Mehrere Monate seiner Haft verbrachte er im Zentralgefängnis von Aleppo. Dort erlebte er, wie Dutzende Mitgefangene verhungerten sowie durch Folter und bei militärischen Angriffen ums Leben kamen.


KurdWatch: Wie und warum wurden Sie festgenommen?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Ich wurde wegen meiner Aktivitäten im Rahmen der Revolution, wegen meiner Teilnahme an friedlichen Studentendemonstrationen sowie wegen verschiedener Interviews, die ich der Presse gegeben hatte, vom Direktorat für politische Sicherheit sowie vom Militärischen Nachrichtendienst gesucht. Deshalb bin ich für drei Monate untergetaucht, ohne allerdings meine Aktivitäten einzustellen. Der Militärische Nachrichtendienst hat mich dann in Aleppo verhaftet. Man hat mir unter anderem vorgeworfen, Waffen an der Universität verteilt und Soldaten beim Desertieren geholfen zu haben.

KurdWatch: Sind sie während der Haft gefoltert worden?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Ja, zwischen dem 3. März und dem 22. April 2012, während meiner Inhaftierung bei der Abteilung 215 des Militärischen Nachrichtendienstes, die auch unter der Bezeichnung Einheit »Razzia« bekannt ist, sowie der Abteilung 293 des Militärischen Nachrichtendienstes in Damaskus. Man hat mich in Autoreifen festgebunden und mit Kabeln geschlagen. Auf einen Stuhl fixiert bin ich mit Elektroschocks traktiert worden. Außerdem haben sie eine Foltermethode angewendet, die sie den »deutschen Stuhl« nennen. Ich lag auf dem Boden, meine Hände waren hinter dem Rücken zusammengebunden. Zwischen meine Arme wurde ein Stuhl geklemmt und immer weiter nach hinten gezogen. Die Schmerzen sind unbeschreiblich. Man muss entweder alles gestehen oder der Rücken bricht in zwei.

KurdWatch: Wann sind Sie ins Zentralgefängnis von Aleppo verlegt worden. Wie war die Situation dort?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Ich bin am 26. April 2012 ins Zentralgefängnis von Aleppo verlegt worden. Ich kam in einen Schlafsaal für Gefangene der Revolution. Die meisten wurden terroristischer Aktivitäten oder militärischen Ungehorsams beschuldigt. Zu dieser Zeit war die Revolution noch friedlich, die Vorwürfe entsprachen nicht den Tatsachen. Als ich im Zentralgefängnis ankam, wurde dort noch nicht gefoltert, auch die Ernährung der Gefangenen war noch in Ordnung.

KurdWatch: Können Sie uns das Zentralgefängnis von Aleppo beschreiben?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Das Zentralgefängnis von Aleppo besteht aus einem großen Gebäude, das Burg genannt wird. Das ist das Hauptgefängnis. Es besteht aus drei Etagen. In jeder Etage gibt es sechs Flügel, in jedem Flügel zehn Räume mit fünfundzwanzig bis dreißig Gefangenen. Daneben gibt es ein kleineres Gebäude, in dem die Gefangenen der Revolution sowie die Frauen festgehalten wurden. Ich vermute, es gab dort insgesamt mehr als fünftausend Gefangene.

KurdWatch: Ab wann hat sich die Lage verschlechtert und warum?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Die Situation hat sich ab dem 23. Juli 2012 dramatisch verschlechtert, als die Gefangenen begonnen haben, Widerstand zu leisten. Die Freie Syrische Armee hatte damals große Teile Aleppos erobert, die Gefangenen machten sich große Hoffnungen, bald befreit zu werden. Die Lage war sehr angespannt, und das Gefängnispersonal begann, die Gefangenen schlecht zu behandeln. Sie wollten uns einschüchtern, um eine Revolte zu verhindern. Sie haben das Gegenteil erreicht. Die Sicherheitsleute haben die Protestierenden brutal niedergeschlagen. Sie wurden mit scharfer Munition und mit Tränengas beschossen. Sechzehn Gefangene wurden getötet, weitere zehn sind später hingerichtet worden. Die Behandlung uns gegenüber hat sich dramatisch verändert. Wir durften kein Essen mehr kaufen, Verwandte durften uns nicht mehr besuchen, Dutzende Gefangene wurden brutal gefoltert, die Hofgänge, bei denen wir ein bisschen Luft schnappen und die Sonne sehen konnten, wurden gestrichen.

KurdWatch: Manche Quellen berichteten von einer Phase, in der die Gefangenen nur ein Glas Mehl pro Tag zu essen bekamen. Ist das wahr? Wie kam es zu diesen drastischen Maßnahmen?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Am 27. März 2013 hat die Freie Syrische Armee das Gefängnis umzingelt, sie hat die Versorgung des Gefängnisses mit Nahrungsmitteln und Brennstoff unterbrochen. Ab dem 5. Mai 2013 hat uns das Regime nicht mehr mit Brot versorgt, mit der Begründung, es gebe keinen Diesel mehr. Das stimmte nicht. Diesel gab es auf jeden Fall, weil alle Militärfahrzeuge im Gefängnis mit Diesel betrieben wurden. Die Gefängnisverwaltung hat angefangen, jedem Gefangenen nur ein Glas Mehl sowie ein Glas Wasser pro Tag zu geben. Wir mussten Decken und Kleider verbrennen, um den Teig, den wir hergestellt haben, über dem Feuer zu backen. Unsere Räume waren stundenlang voller Rauch. Es war eine schwierige Zeit, die uns viel Kraft gekostet hat. In dieser Zeit sind viele Gefangene an Tuberkulose erkrankt. Etwa hundertsiebzig Gefangene sind an verschiedenen Krankheiten gestorben. Zwei Monate und sieben Tage haben wir nur ein Glas Mehl pro Tag bekommen. In dieser Zeit haben sich auch die Kämpfe um das Gefängnis herum intensiviert. Auf der einen Seite der Hunger, auf der anderen Seite die Raketen, die das Gefängnis trafen. Die Wächter haben uns als menschliche Schutzschilde benutzt. Wir konnten vor Angst nicht mehr schlafen und haben jede Sekunde mit dem Tod gerechnet.

KurdWatch: Ist die Lage ab Mitte Juli besser geworden?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Ja, aber es gab noch eine kurze, sehr schwierige Phase, als wir genau sechsundneunzig Stunden gar nichts zu essen und zu trinken bekommen haben. Viele Gefangene, insbesondere die Kranken und Schwachen, sind in diesen vier Tagen vor unseren Augen gestorben. Wir waren hilflos, konnten ihnen nicht helfen. Wir haben nur noch geschrieen: »Wir haben Hunger«. In dieser Situation ist es noch einmal zum Aufstand gekommen. Das Regime hat erneut mit scharfer Munition geantwortet. Es gab sechs Tote und vierzig Verletzte auf unserer Seite. Weitere sechzehn Verletzte kamen bei den folgenden Verhören durch Folter ums Leben. Insgesamt gab es zweiundzwanzig Tote.

KurdWatch: Wie haben Sie selbst diese Umstände überlebt?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Ich hatte viel Glück, ich war, Gott sei Dank, nie krank. Obwohl ich bei einer Größe von einem Meter achtzig nur noch zweiundfünfzig Kilo gewogen habe.

KurdWatch: Sind Gefangene ums Leben gekommen, als die Freie Syrische Armee das Gefängnis mit Raketen beschossen hat?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Etwa hundertzwanzig Gefangene kamen auf diese Weise ums Leben. Dreimal schlugen Raketen an die Außenwände des Raums, in dem ich gefangen war. Einige meiner Mitgefangenen sind vor meinen Augen schwer verletzt worden und starben später. Die Soldaten haben sich absichtlich in der Nähe der Gefangenen verschanzt, sie haben uns als menschliche Schutzschilde benutzt.

KurdWatch: Ihre Gerichtsverhandlung ist noch anhängig. Was bedeutet das für Sie?
Dschigarkhwin Mula Ahmad: Ich habe Angst. Nach syrischem Recht könnte ich angesichts der gegen mich erhobenen Vorwürfe mit dem Tod bestraft werden.

Berlin, den 28. November 2013

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