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Mahmud an‑Nasir, ehemaliger syrischer Geheimdienstoffizier aus Raʾs al‑ʿAin:
»Das Krisenzentrum des syrischen Regimes hat der PKK Anweisungen zum Mord an kurdischen Politikern erteilt, und die PKK hat sie ausgeführt«

KURDWATCH, 18. Mai 2014 – Mahmud an‑Nasir (bekannt unter dem Namen Abu Haris), geb. 1962, verheiratet, sechs Kinder, war im Direktorat für allgemeine Sicherheit [auch bekannt als Staatssicherheit] beschäftigt. Er war für die Abteilungen des Büros Nr. 330 zuständig. In den achtziger und neunziger Jahren durchlief er im befreundeten Ausland mehrere Sicherheitsschulungen. Er arbeitete in Raʾs al‑ʿAin im Büro für Parteien Nr. 30 der Staatssicherheit, dann in der Datenabteilung, bis er sich im November 2011 vom Regime lossagte.


KurdWatch: Wie kam es zu Ihrem Entschluss, für den syrischen Geheimdienst zu arbeiten?
Mahmud an‑Nasir: 1981 machte ich mein Abitur. Ich war damals schon Mitglied in der Baʿthpartei und schrieb mich für ein Jurastudium ein. Während meines Studiums suchte ich einen Nebenjob und habe einen entsprechenden Antrag gestellt. Damals tobte in Syrien ein Krieg gegen die Muslimbrüder. Daher wurde jeder Antrag auf eine Anstellung beim Staat an die Partei weitergeleitet und von dort an die Ministerratsleitung, wo über alle öffentlichen Anstellungen entschieden wurde. Nach meiner Bewerbung wurde ich zunächst der Getreideverwaltung in al‑Qamischli zugeteilt. Schon bald erhielt ich aber eine Aufforderung, beim Geheimdienst vorzusprechen und erfuhr dort, dass der Ministerrat mich für den Geheimdienst arbeiten lassen wollte. So kam es, dass ich schon ab dem ersten Semester meines Studiums für den Geheimdienst tätig war.

KurdWatch: Der Geheimdienst hat bekanntlich auch damals schon gefoltert. Was wissen Sie über Folter in der Region al‑Hasaka, wo Sie damals tätig waren?
Mahmud an‑Nasir: Folter habe ich erst 2004 erlebt, als die kurdische Revolte ausbrach. Es gab willkürliche Verhaftungen und die ausdrückliche Anweisung, alle Festgenommenen zu foltern, um sie zu Geständnissen zu nötigen. Danach wurden die Gefangenen an die zuständigen Abteilungen überstellt. Der Direktor für Nationale Sicherheit, Hischam Bakhtiyar, koordinierte die Verhöre, in al‑Hasaka tat dies Muhammad Mansura. Viele Festnahmen erfolgten nur, weil andere Personen die Betroffenen in Berichten beschuldigt hatten, auch wenn diese mit den Demonstrationen gar nichts zu tun hatten. Aus persönlichen Gründen wurden Leute angeschwärzt und daraufhin verhaftet.

KurdWatch: Kennen Sie Fälle, in denen die Folter zum Tod geführt hat?
Mahmud an‑Nasir: Ich persönlich war bei Folterungen nicht zugegen, aber ich weiß, dass in allen Geheimdiensteinrichtungen Syriens, in Damaskus ebenso wie anderswo, massiv gefoltert wurde. Besonders politische Gefangene, vor allem Angehörige der Muslimbrüder, wurden zu Tode gefoltert. Ein solcher Fall war in den achtziger Jahren der Sohn von Khalid Mulla Salman aus Dawudiya bei Raʾs al‑ʿAin. Der Geheimdienst schickte den Leichnam des Gefangenen aus Damaskus an seine Angehörigen zurück.

KurdWatch: Wann und warum haben Sie sich entschlossen, dem Regime den Rücken zu kehren? Und wie konnten Sie Syrien verlassen?
Mahmud an‑Nasir: Ich beschloss, mit dem Regime zu brechen, als es für mich unverkennbar war, dass die Führung friedliche Demonstranten kaltblütig ermordete und selbst die Militarisierung des Aufstandes betrieb. Ein Armeerekrut kam einmal in meine Abteilung. Er hatte zuvor in Hama Wehrdienst geleistet und erzählte mir, dass er und seine Kameraden dort den Befehl erhalten hätten, sich unter die Demonstranten zu mischen und in Richtung Sicherheitskräfte zu schießen, damit diese einen Vorwand bekämen, die Demonstrationen anzugreifen und Protestierende zu erschießen. Die Militarisierung des Aufstands war also ursprünglich vom Regime selbst inszeniert. Das war für mich einer der Hauptgründe, mich abzusetzen. Ich trat in Kontakt mit syrischen Oppositionsgruppen im Ausland, welche wiederum einen Kampfverband der Freien Syrischen Armee (FSA) beauftragten, mich in Sicherheit zu bringen. Ich wurde von Raʾs al‑ʿAin nach Manbidsch gebracht, von wo ich zwei Tage später in die Türkei ausreisen konnte.

KurdWatch: Können Sie uns die Geheimdienstabteilung beschreiben, die Sie in Raʾs al‑ʿAin geführt haben? Wofür war diese zuständig, und wie bekamen Sie Ihre Informationen?
Mahmud an‑Nasir: Die Abteilung war wie eine verkleinerte Geheimdienstzentrale aufgebaut. Unsere Bereiche waren Wirtschaftssicherheit, Staatsschutz und Gesellschaft. Allgemein bediente sich der Geheimdienst der Angaben von Mitarbeitern aus ihren jeweiligen gesellschaftlichen Bereichen. Zudem rekrutierte der Geheimdienst Personen, die uns aus ideologischem oder materiellem Anreiz Informationen beschafften.

KurdWatch: Wie war das Verhältnis Ihrer Abteilung zu den verschiedenen kurdischen Parteien?
Mahmud an‑Nasir: Mit den kurdischen Parteien war es wie mit allen anderen politischen Parteien in Syrien, außer dass die kurdischen Parteien zusätzlich vom Direktorat für allgemeine Sicherheit beobachtet wurden. Zum einen wurden kurdische Parteien ausspioniert, da man wissen wollte, was dort hinter den Kulissen passiert. Zum anderen pflegte man direkte Kontakte zu den Führungspersonen und fragte sie nach ihrer Einschätzung zu Ereignissen in Syrien, ohne ihnen das Gefühl zu geben, dass sie gezwungen seien zu antworten. Wir vom Geheimdienst vermittelten ihnen eher das Gefühl, dass es uns allen gleichermaßen um das »Wohl des Landes« ginge und sie schon deshalb mit dem Sicherheitsapparat kooperieren müssten, um Konflikte zu vermeiden, die dem Land und seiner gesellschaftlichen Struktur schaden würden. Aber unausgesprochen ging es darum, dass alle sich regimekonform verhalten sollten.

KurdWatch: Gab es kurdische Parteien, die besonders eng mit dem syrischen Geheimdienst kooperierten?
Mahmud an‑Nasir: Wir hatten Beziehungen zu allen kurdischen Parteien, aber besonders ausgeprägt war unser Verhältnis zur Partei der Demokratischen Union (PYD), dem syrischen Zweig der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die erste Generation der PKK‑Führung bestand aus Personen, die zuvor als linke Studenten aus der Türkei nach Syrien gekommen waren. Daher pendelten diese Personen regelmäßig zwischen der Türkei und Syrien hin und her. Die PKK und die PYD hatten essenzielle Beziehungen nach Damaskus, und wir in den lokalen Dienststellen standen mit ihnen persönlich in geheimem Kontakt. Wir wussten, dass beide Parteien dem Regime nahe stehen, machten dies aber nicht öffentlich. Als die PKK beispielsweise einmal junge Männer und Frauen rekrutierte, um sie im Libanon oder im irakischen Qandilgebirge auszubilden, bekamen wir ein entsprechendes Schreiben aus Damaskus, dem wir entnahmen, dass es implizit eine Erlaubnis gab, diese jungen Leute in den Libanon, den Irak oder die Türkei ausreisen zu lassen. Das alles war noch vor dem syrischen Aufstand. Die PYD war für den syrischen Geheimdienst sehr hilfreich, denn die PKK war die dominierende politische Partei bei den ärmeren Schichten und der einfachen Mittelschicht Kurdistans, also jenen Schichten, die dem Staat hätten gefährlich werden können. Durch die PKK hatte sich eine Konfrontation mit dieser Schicht für uns erübrigt.

KurdWatch: Und wie war das Verhältnis zu den übrigen kurdischen Parteien?
Mahmud an‑Nasir: Die meisten kurdischen Parteiführer hatten direkt oder indirekt Kontakt zum syrischen Geheimdienst, vor allem seit den Ereignissen von al‑Qamischli im Jahre 2004. Wie eng der Kontakt war, war abhängig von der Größe der Partei. Die Kurdische Demokratische Einheitspartei (Yekîtî) beispielsweise, damals unter Führung des inzwischen verstorbenen Ismaʿil ʿUmar, hatte in den kurdischen Gebieten politisches Gewicht. Deshalb war dem Regime an guten Beziehungen mit dem Parteichef gelegen. Ismaʿil ʿUmar kooperierte aber nur begrenzt mit dem Regime, weswegen wir beauftragt waren, die Partei auf lokaler Ebene zu infiltrieren. Aber als Muhiyuddin Schaikh Ali, der dem syrischen Regime bekanntlich sehr nahe stand, die Parteiführung übernahm, verbesserten sich die Beziehungen beträchtlich, und das Regime konnte die Partei viel besser kontrollieren. Das Regime war bestrebt, über die Demokratische Yekîtî und ihre Führung eine pragmatischere Linie in der kurdischen Öffentlichkeit zu verankern.

KurdWatch: Welcher kurdische Parteifunktionär hatte die engsten Beziehungen zum syrischen Regime und Geheimdienst?
Mahmud an‑Nasir: Die engsten Beziehungen pflegten die Führungspersonen der PKK und der PYD, allen voran Salih Muslim. Alsdann wären für Syrien zu nennen: Muhiyuddin Schaikh Ali, der Sekretär der Demokratischen Yekîtî, Muhammad Musa Muhammad, Sekretär der Kurdischen Linken Partei in Syrien, Dschamal Muhammad Baqi, Sekretär der Syrischkurdischen Demokratischen Partei, und Muhammad Salih Gado, Sekretär der Kurdischen Demokratischen Linken Partei in Syrien.

KurdWatch: Zu Beginn der syrischen Revolution gab es ja auch in den kurdischen Regionen Demonstrationen gegen das syrische Regime. Warum gingen die Sicherheitskräfte nicht gegen die kurdischen Demonstranten vor?
Mahmud an‑Nasir: Es gab eine inoffizielle Vereinbarung des Politischen Rats (Madschlis Siyasi) und der PYD mit dem Regime, dass die kurdischen Demonstrationen unbedingt friedlich zu bleiben hätten. Kurdische Parteifunktionäre traten daraufhin mit den Organisatoren der Demonstrationen auf lokaler Ebene in Kontakt und gaben Anweisung, dass nur friedlich und auf vorbestimmten Routen demonstriert werden dürfe. Es wurde dafür Sorge getragen, dass keine Kundgebungen in arabisch bewohnten Gebieten oder in der Nähe von Sicherheitseinrichtungen abgehalten wurden. Das syrische Regime wollte, dass die Kurden nur in dem ihnen vorgegeben Rahmen demonstrierten und setzte dabei auf den kurdisch-arabischen Gegensatz. Auf keinen Fall sollte es gemeinsame kurdisch-arabische Proteste geben, die dem Regime hätten gefährlich werden können.

KurdWatch: Heißt das, dass Sie die direkte Anweisung vom Regime hatten, nicht gegen kurdische Demonstrationen vorzugehen? Und wie sind Sie mit Demonstranten umgegangen, die möglicherweise doch eine Gefahr für das Regime darstellten?
Mahmud an‑Nasir: Ja, es ist richtig, dass wir Order aus Damaskus hatten, in keiner Weise gegen kurdische Demonstrationen vorzugehen. Wir durften nicht einmal Agenten in die Demonstrationen einschleusen, um keinerlei Eskalation zu provozieren. Wir bekamen aber Informationen über Politiker und Demonstranten, die weitergehende revolutionäre Ambitionen hatten und schickten entsprechende Berichte nach Damaskus. Von dort aus wurde die PYD beauftragt, solche Aktivisten zu entführen oder zu beseitigen. Die PYD hielt solche Leute dann tatsächlich auf welche Weise auch immer von der Straße fern, um jede revolutionäre Eskalation zu vermeiden.

KurdWatch: Welche kurdischen Politiker waren aus Ihrer Sicht und aus der Sicht Ihres Geheimdienstbüros für das Regime am gefährlichsten?
Mahmud an‑Nasir: Als sich in der politischen Szene der Kurden eine syrischnationale Linie abzeichnete, schrillten beim Regime alle Alarmglocken. Mischʿal at‑Tammu vertrat diese Linie, die nicht nur für das syrische Regime eine Gefahr war, sondern auch für die übrigen kurdischen Politiker, die eine ganz andere Linie vertraten. Das Regime gab daher die direkte Anweisung, diesen Mann zu eliminieren. Bewaffnete der PKK übernahmen diese Aufgabe. Gerade einmal eine halbe Stunde nach der Ermordung von Mischʿal at‑Tammu erhielten wir aus Damaskus eine Ermahnung zu äußerster Wachsamkeit, weil man Reaktionen der kurdischen Öffentlichkeit befürchtete. Dagegen hatte das Regime vor der kurdischnationalen Ausrichtung überhaupt keine Angst, denn die konnte es kontrollieren und so steuern, dass die Araber sich davon provoziert fühlten und ihrerseits darauf eingestimmt wurden, sich gegen die Kurden zu wehren. Für das Regime war auf diese Weise ein Gleichgewicht und Stabilität in dem Sinne hergestellt, dass beide Seiten sich aneinander abarbeiteten. Demgegenüber hatte die syrischnationale Ausrichtung der kurdischen Bewegung zur Annäherung an die Araber aufgerufen, um sich dem Regime gemeinsam entgegenzustellen.

KurdWatch: Können Sie uns Einzelheiten darüber berichten, wie die PKK und die PYD seit Beginn der Revolution mit dem syrischen Regime kooperierten?
Mahmud an‑Nasir: Die Sicherheitsbehörden hatten Anweisung aus Damaskus, das kurdische öffentliche Leben in die Hände der PKK zu legen. Der Befehl umfasste zudem für den Fall, dass desertierte Soldaten der Freien Syrischen Armee (FSA) in die kurdischen Gebiete vordringen sollten, dass der Sicherheits- und Militärapparat sich an die PKK wenden sollte. Dies bedeutete mitunter, dass man der PKK ganze Gebiete und Stützpunkte überließ. Um nicht den Unmut der Araber zu erregen, gestattete man der PKK dies aber nur in der Provinz al‑Hasaka. Der Geheimdienst stärkte die PYD und die PKK auch, indem er ihnen Fahrzeuge aller Art überließ. Dabei wurde vereinbart, um keinen Unwillen bei Kurden und Arabern angesichts eines koordinierten Vorgehens zwischen Regime und PKK zu provozieren, dass sich in den Fuhrparks der Sicherheitskräfte bewaffnete Parteikämpfer der Fahrzeuge bemächtigen sollten. Sie sollten anschließend die Nummernschilder entfernen und behaupten, die Partei habe diese Fahrzeuge gewaltsam in Besitz genommen, so wie es anderswo die FSA tat. Als dann wirklich FSA‑Einheiten nach Tall Hamis und Raʾs al‑ʿAin vorrückten, wähnte sich das Regime so sehr in Gefahr, dass es der Partei sämtliche militärischen Einrichtungen und die Büros der Sicherheitskräfte inklusive Waffen überließ, damit diese sich der FSA augenblicklich entgegenstellen konnte. Somit gab es zwischen der PKK und dem Regime ein fast amtliches Abkommen. Die kurdischen Kämpfer kamen in die Büros, übernahmen die Einrichtungen samt Bewaffnung, unterzeichneten sogar Übergabebescheinigungen und die syrischen Sicherheitskräfte zogen sich ohne jedes Blutvergießen aus den kurdischen Gebieten zurück.

KurdWatch: Gab es Begegnungen zwischen der PKK‑Führung und Ihnen, um die Übergabe zu organisieren? Gab es auch Widerstand von Seiten Einzelner im Apparat dagegen? Was bot die PKK dem Regime an, und was bekam sie als Gegenleistung?
Mahmud an‑Nasir: Die Vorbereitungen fanden auf zentraler Ebene statt, die Anweisungen ergingen dann jeweils an die Direktoren der Dienststellen vor Ort. Diese besprachen sich sodann mit der jeweiligen lokalen PKK‑Führung. Da die Staatssicherheit überwiegend aus Arabern aus der Region bestand, und um zu vermeiden, dass diese sich der Übergabe ihrer Einrichtungen widersetzten, gab es folgenden Plan: Die PKK sollte die jeweiligen Stützpunkte umstellen, und die Leitung würde die Parole ausgeben: Keine Aufgabe der Einrichtung, aber auch keine Zusammenstöße mit den PKK‑Kämpfern! Je länger eine solche Belagerung dann dauerte, desto frustrierter wurden die Sicherheitsleute. Sie telefonierten mit der Zentrale und baten um Rat, woraufhin man ihnen gestattete, den Dienstort zu wechseln. Anschließend übergab man die Einrichtung der PKK. Alles geschah also nur notdürftig getarnt nach Drehbuch. Wenn allerdings Kämpfer der FSA einen Stützpunkt belagerten, lautete der Befehl: Bewaffnetes Zurückdrängen der Angreifer und Verteidigung der Anlage bis zur letzten Kugel oder bis zum eigenen Tod. Die Leistung der PKK bestand darin, die Öl- und Gasfelder zu schützen und den Ölnachschub an das Regime von Rumailan und anderen Gebieten in Nordostsyrien aus zu sichern. Dafür erhielt die PKK monatlich einhundertfünfzig Millionen Syrische Lira plus achtzig Millionen Lira für Gehälter an die Kämpfer.

KurdWatch: Wie konnten die PYD und die PKK in so kurzer Zeit ihre militärische Schlagkraft dermaßen erhöhen? Haben die syrischen Sicherheitsbehörden ihnen auch Waffen beschafft?
Mahmud an‑Nasir: Die PYD/PKK besaß vorher nur leichte Waffen. Mit Beginn des Aufstandes in Syrien schickte man mit kurdischen Kämpfern, die über die irakische Grenze nach Syrien kamen, aus den Qandilbergen weitere leichte Waffen. Später stattete das syrische Regime selbst die Parteikämpfer mit Waffen und Munition aus. Man verwickelte die PYD in Gefechte und lieferte ihr anschließend jeweils Waffen und Munition aus al‑Qamischli von den dortigen Armeeverbänden oder über den Flughafen. Der Militärische Nachrichtendienst koordinierte diese Lieferungen. Die PYD/PKK bekam auf diese Weise Duschkas, Flugabwehrgeschütze, Panzerabwehrwaffen, Raketen und vielerlei andere Waffen.

KurdWatch: Mit welchen Politikern der PYD und der PKK hat der syrische Geheimdienst gesprochen?
Mahmud an‑Nasir: Auf der zentralen Ebene mit Damaskus fanden die Unterredungen mit Salih Muslim, dem Vorsitzenden der PYD als dem syrischen Ableger der PKK statt, aber auch mit Bahoz Erdal, einem Militärkommandanten der PKK. Auf lokaler Ebene in der Provinz al‑Hasaka trafen sich Geheimdienstbeamte der Außenstellen mit Militärführern und Parteifunktionären der Region, beispielsweise mit Aldar Khalil oder Dschamschid ʿUthman.

KurdWatch: Hat der syrische Geheimdienst auch Einfluss auf die Gründung des Kurdischen Nationalrats in al‑Qamischli genommen? Und gab es Absprachen mit diesem?
Mahmud an‑Nasir: Die Gründung des Kurdischen Nationalrats erfolgte vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer vereinigten kurdischen Führung, die in der Lage wäre, alle jungen Kurden und alle kurdischen Koordinationsräte und Parteien einzubinden. Insbesondere wollte man auch politisch ungebundene junge Leute unter Kontrolle bringen, die möglicherweise revolutionär gesinnt waren und bewaffnet gegen das Regime kämpfen wollten. Die Idee stammte tatsächlich vom syrischen Geheimdienst. Man wollte einen einheitlichen und kontrollierbaren kurdischen Diskurs und wollte jeder Möglichkeit vorbeugen, dass es zu einer revolutionären, gegen das Regime gerichteten Bewegung kommen könnte. Die Absprachen des Regimes mit dem Kurdischen Nationalrat und der PYD waren dieselben, die die PYD mit dem Nationalrat in der Region Kurdistan im Nordirak getroffen hatte, und auch diese waren vom syrischen Geheimdienst gesteuert. In Raʾs al‑ʿAin beispielsweise führte unsere Außenstelle regelmäßig Gespräche mit dem Chef der örtlichen Vertretung des Nationalrats, Muhammad Salih ʿAtiya. Wir wiesen diese Vertreter an, die Demonstrationen unter Kontrolle zu halten und zu verhindern, dass es zu Parolen gegen den Präsidenten oder seine Familie käme. Der Nationalrat hielt sich daran und hatte mal mehr, mal weniger Erfolg, die kurdische Öffentlichkeit auf diese Weise zu kontrollieren.

KurdWatch: Und wie war das Verhältnis des syrischen Geheimdienstes zur Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak?
Mahmud an‑Nasir: Wir in den regionalen Außenstellen hatten keinen tieferen Einblick in irgendwelche Abkommen mit der dortigen Regierung. Aber wir wussten, dass die Führung der irakischen Region Kurdistan ein gutes Verhältnis zum syrischen Regime pflegte. Deshalb war es der PYD möglich, dort Versammlungen abzuhalten und Abkommen zu schließen. Nach unserer Kenntnis hat die Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak versucht, die Kurden in Syrien neutral zu halten und war bestrebt, die ihr nahe stehenden Parteien und Gruppierungen nicht zu militarisieren.

KurdWatch: Wissen Sie, mit wem von der Regierung der Autonomen Region Kurdistan gesprochen wurde?
Mahmud an‑Nasir: Ich vermute, dass die Begegnungen zwischen dem Kurdischen Nationalrat und der PYD in Erbil von denselben Personen geleitet wurden, die auch die Gespräche mit dem syrischen Geheimdienst führten. Dazu gehörten Führungspersonen wie Fadil Mirani, Masrur Barzani, Netschirvan Barzani und Mahmud Gharghari. Letztlich ging es hier um Staatsinteressen, und möglicherweise war die Autonome Region Kurdistan der Meinung, es sei in ihrem Interesse, wenn die syrischen Kurden sich nicht an der syrischen Revolution beteiligten und die Kämpfe nicht nach Irakisch-Kurdistan trügen.

KurdWatch: Sie nennen Mahmud Gharghari. Hatte dieser auch Kontakt zum Geheimdienst?
Mahmud an‑Nasir: Die Mitarbeiter und Funktionäre der Demokratischen Partei Kurdistans/Irak (KDP) in Syrien waren alle in Damaskus, und Mahmud Gharghari war so etwas wie der Botschafter der Partei beim syrischen Regime und Geheimdienst. Er hatte eine Wohnung in al‑Qamischli, und nach meinen Informationen traf er sich dort mehrfach mit dem Geheimdienst und begleitete auch die Gründung des Kurdischen Nationalrats. Er war so etwas wie ein Kommunikationskanal.

KurdWatch: Während der syrischen Revolution wurden eine Vielzahl kurdischer politischer Aktivisten umgebracht, unter ihnen Mischʿal at‑Tammu, Nasruddin Birhik und Dschiwan al‑Qatna. Wissen Sie, wer für diese Attentate verantwortlich war?
Mahmud an‑Nasir: Ich vermute, dass deren Angehörige und Parteifreunde recht gut wissen, wer sie ermordet hat, dass die betreffenden Parteien aber darüber schweigen, damit kein weiteres kurdisches Blut vergossen wird. Das Krisenzentrum des syrischen Regimes hat der PKK Anweisungen zum Mord an kurdischen Politikern erteilt, und die PKK hat sie ausgeführt. Wir wussten, dass die PKK Mordauftragslisten hatte, darunter solche, die direkt vom Regime kamen und Personen umfassten, die das Regime als störend empfand und loshaben wollte. Aber auch Morde der PKK, die das Regime nicht in Auftrag gegeben hatte, waren sicherlich in dessen Sinne.

KurdWatch: Was wissen Sie über die Ermordung des politischen Aktivisten Mahmud Wali alias Abu Dschanadi in Raʾs al‑ʿAin?
Mahmud an‑Nasir: Die Urheber dieses Attentats sind bekannt. Abu Dschanadi hatte sich ja offen gegen die PKK gestellt. Zuerst wurde er zur Warnung so brutal verprügelt, dass er ins Krankenhaus musste. Alle wussten, dass er von Schlägern der PKK angegriffen worden war. Bei seiner Ermordung waren mehrere Personen in unmittelbarer Nähe zugegen. Als Zeugen des Verbrechens wurden sie jedoch selbst mit Mord bedroht, sollten sie irgendeine Aussage machen.

KurdWatch: Gab es Pläne, wie man mit den kurdischen Parteien umgehen wird, falls das Regime gegen die Revolution siegen würde?
Mahmud an‑Nasir: Wenn es solche Pläne gab, dann wurden sie in Damaskus gemacht, und wir in den Regionen hatten keinen Einblick in sie. Ich vermute aber, dass man den kurdischen Politikern versprochen hat, man würde sie dafür belohnen, wenn sie eine militärische Konfrontation mit dem Regime verhindern würden, indem man ihnen eine Art Autonomie gewähren würde, wenn vielleicht auch nur auf kommunaler Ebene. Sicherlich hätte die PKK am ehesten eine solche Belohnung verdient, nach all dem, was sie für das Regime geleistet hat. Im Gegensatz zum Kurdischen Nationalrat, der es dem Regime weniger recht gemacht hat, obwohl er versucht hat, sich als Alternative zur PKK anzubieten. Ich glaube auch, dass die Ausbildung von Kämpfern des Nationalrats in Irakisch-Kurdistan ein Teil des Plans war, gegen die PKK um die Gunst des Regimes zu konkurrieren.

KurdWatch: Welche kurdische Partei gab dem Regime Anlass zu Sorge oder Angst?
Mahmud an‑Nasir: Eigentlich hatte das Regime vor keiner kurdischen Partei Angst. Die syrischkurdische Zukunftsbewegung machte uns am Anfang Sorgen, weil sie bei den Revolutionären großen Anklang fand und weil sie versuchte, Demonstrationen zu dominieren und die Kurden gegen das Regime aufzubringen. Aber der Geheimdienst wies die übrigen kurdischen Parteien an, gegen die Zukunftsbewegung vorzugehen, sodass diese Partei schnell isoliert und geschwächt dastand. Dasselbe geschah mit den sogenannten kurdischen Koordinationsräten. Die Parteien versuchten diese unabhängigen, nationalistisch gesinnten Räte durch parteipolitisch dominierte zu ersetzen. Sie können es auch daran sehen, welche Aktivisten ermordet wurden: Die meisten von ihnen gehörten nationalistischen, nicht parteigebundenen Koordinationsräten an. Aber die größte Angst hatte das Regime ebenso wie die kurdischen Parteien vor Menschen wie Mischʿal at‑Tammu, der versuchte, Kurden, Araber und andere Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen.

KurdWatch: Welche Anweisungen hatten Sie bezüglich des Umgangs mit der arabischen Bevölkerung in der Provinz al‑Hasaka für den Fall, dass diese sich der Revolution gegen das Regime anschließt?
Mahmud an‑Nasir: Die Sicherheitszentrale in Damaskus gab Order, den Arabern der Region jegliche Teilnahme an Demonstrationen gegen das Regime zu untersagen. Die Anführer der arabischen Koordinationsräte und arabische Stammesvertreter wurden vorgeladen und mussten Zusagen abgeben, dass sie sich an keiner regimefeindlichen Demonstration beteiligen würden, andernfalls müssten sie sich auf strengste Verfolgung einstellen. Wir hatten freie Hand, sie zu verhaften, zu foltern oder zu eliminieren, sollten Araber der Region gegen das Regime demonstrieren. Ganz anders als bei den Kurden, denn die sollten ja von der PKK niedergehalten werden.

KurdWatch: Wie stand es um die Milizen von Muhammad Faris und die Nationale Verteidigungsarmee?
Mahmud an‑Nasir: Das Regime hatte für diese einen besonders perfiden Plan ausgeheckt: Man wollte die Araber der Region dazu bringen, Selbstverteidigungsmilizen zu bilden, die zwar keine Kämpfe mit Kurden führen, sich aber von der FSA und anderen Gruppen streng fernhalten sollten. Dafür bekamen sie viel Geld. Natürlich war auch geplant, dass man, wenn man die FSA besiegt und den syrischen Aufstand niedergeschlagen hätte, die arabischen Milizen gegen die Verbände der PYD und der PKK würde kämpfen lassen, bis beide Seiten daniederlägen und das Regime als endgültiger Sieger aus der Schlacht um Syrien hervorginge.

15. März 2014

Aus dem Arabischen von Günther Orth

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