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Nauaf ʿIsa ʿAli, ehemaliger Korrespondent von Kurdistan TV in Sindschar (kurd. Şingal) im Irak:
»Die PYD hat im Sindschar nicht gekämpft und sie hat die Yeziden nicht gerettet; das ist nichts weiter als Propaganda«

KurdWatch, 30. September 2014 – Nauaf ʿIsa ʿAli, geb. 1978 in Sindschar (Şingal), verheiratet, zwei Kinder, war von 2007 bis Juli 2014 Sindscharkorrespondent des Fernsehsenders Kurdistan TV, der der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) gehört. Am 3. August 2014, als der Islamische Staat (IS) Sindschar einnahm, gehörte er zu den letzten, die die Region noch verlassen konnten. Im Interview mit KurdWatch wirft ʿAli der militärischen und politischen Führung im Sindschargebiet schwerwiegende Versäumnisse im Kampf gegen den IS sowie Korruption vor. Gleichzeitig widerspricht er der Behauptung, die PKK habe die Yeziden im Sindschar »gerettet«. Nauaf ʿIsa ʿAli hat Irakisch-Kurdistan im August 2014 aus Angst um seine Sicherheit verlassen.


KurdWatch: Was ist an dem Tag passiert, als der Islamische Staat Sindschar eingenommen hat?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Bevor wir von dem Tag sprechen, an dem der Islamische Staat Sindschar eingenommen hat, müssen wir einige Monate zurückgehen. Wir wissen, dass der IS am 10. Juni 2014 die Stadt Mosul eingenommen hat. Als die irakische Armee ihre Stellungen kampflos aufgab, konnten die Kämpfer des IS schwere Waffen erbeuten. Sie sind damit zu einer ernstzunehmenden Gefahr geworden. Die meisten arabischen Sunniten in Ninawa haben sich ihnen angeschlossen. Der IS wollte seine Herrschaft ausweiten, vor allem in den sunnitischen Gebieten. Sindschar ist dabei strategisch sehr wichtig gewesen. Der Sindschar verbindet die vom IS beherrschten Gebiete in Syrien mit denen im Irak. Bevor der IS Sindschar eingenommen hat, gab es zahlreiche militärische Auseinandersetzungen zwischen den Peschmerga, die in Sindschar stationiert waren, und den Kämpfern des IS. Es gab zum Beispiel schwere Gefechte in Tarbika, nahe Sununi. Hätte der IS Tarbika eingenommen, hätte er über einen direkten Zugang vom Irak nach Syrien verfügt. Die Peschmerga konnten den IS jedoch schlagen. Später haben die Kämpfer des IS es bei Umm asch‑Schababit versucht. Wären sie hier durchgekommen, wäre der Weg nach Sindschar frei gewesen und sie hätten die Straße nach Syrien kontrolliert. Aber auch dieses Mal sind sie an den Peschmerga gescheitert. Allein im Juli 2014 hat es sechs Angriffe des Islamischen Staats gegeben, sechs Versuche, in den Sindschar einzudringen. Alle Versuche wurden zurückgeschlagen, obgleich der Sindschar fast komplett von Kämpfern des IS umzingelt war. Nur der Weg nach Syrien war nicht unter Kontrolle des IS. Am 27. Juli hat der IS mit einer sehr starken Truppe in der Nähe von Schilu angegriffen. Es gab vier Stunden lang heftige Gefechte, die arabischen Stämme in der Umgebung hatten sich dem IS angeschlossen. Ziel war es, Ramadan im Sindschar zu feiern. Auch hier waren die Peschmerga erfolgreich und die Terroristen des IS sind geflohen. Sie haben bei diesen Auseinandersetzungen viele Kämpfer verloren. Ich war damals an der Front und habe von dort berichtet. Ich bin knapp dem Tod entkommen. Mein Wagen wurde von den Kämpfern des IS mit Kugeln durchsiebt. Nach dieser Auseinandersetzung haben wir nicht mehr damit gerechnet, dass sie uns erneut angreifen. Sie wurden ja bei allen sechs Angriffen besiegt. Wir dachten, dass sie wissen, dass sie gegen die Peschmerga nicht ankommen. Aber am 2. August um zwei Uhr früh gab es einen weiteren Angriff. Sie haben nicht, wie sonst, nur einen Posten angegriffen, sondern gleich vier. Bis sechs Uhr dreißig haben die Kämpfe angedauert. Dann war es ruhig und wir dachten, sie wären erneut geschlagen und hätten sich zurückgezogen. Aber plötzlich, gegen sechs Uhr fünfundvierzig, haben sie mit schweren Waffen den Posten von Schaikh Khidr angegriffen. Die Peschmerga waren nicht gut bewaffnet und der Islamische Staat konnte den Posten übernehmen. Das hat ihnen starken Rückenwind gegeben. Die Nachricht, dass der IS einen Posten überrannt hat, verbreitete sich wie ein Lauffeuer; auch, dass viele Menschen umgebracht worden sind und die Kämpfer des IS sich in Richtung Sindschar bewegten. Die Bevölkerung hat fluchtartig die Region verlassen. Auch die Peschmerga, die andere Posten schützen sollten, sind geflohen, als sie hörten, dass der IS einen Posten übernommen hat. Die für den Sindschar politisch, militärisch und sicherheitsdienstlich Verantwortlichen haben entschieden, sich aus der Region zurückzuziehen. Ich als Korrespondent von Kurdistan TV habe diese Entscheidung für falsch gehalten. Mit dieser Entscheidung wurden die Menschen dort dem IS schutzlos ausgeliefert. Ich gehörte zu denjenigen, die bis zum Schluss in der Stadt Sindschar geblieben sind. Der IS war etwa zwei Kilometer von uns entfernt, als ich mit Qasim Schescho [dem Kommunikationsverantwortlichen der KDP in Sindschar, siehe auch weiter unten] und seinen Männern die Stadt in Richtung Dschabal Sindschar verlassen habe. Kurze Zeit später hat der IS die Stadt eingenommen. Viele Menschen, die keine Autos hatten, wurden von IS‑Kämpfern festgehalten, umgebracht oder entführt. Viele Leute, die geflohen sind, haben Zuflucht auf dem Dschabal Sindschar gesucht. Nur ein kleiner Teil hat es noch rechtszeitig nach Irakisch-Kurdistan geschafft. Später war auch der Dschabal Sindschar fast komplett vom IS umzingelt und die Leute konnten dort nicht mehr weg. Die für den Sindschar politisch, militärisch und sicherheitsdienstlich Verantwortlichen sind nach Syrisch-Kurdistan geflohen, weil der Weg von Sindschar nach Irakisch-Kurdistan abgeschnitten war. Sie wollten von Syrisch-Kurdistan über den Grenzübergang Fisch Khabur nach Irakisch-Kurdistan zurückkehren.

KurdWatch: Wer waren die Verantwortlichen für den Sindschar?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Sarbast Bapiri, politischer Verantwortlicher für die Abteilung 17 der KDP, Saʿid Kesay, Oberbefehlshaber der 1. Abteilung der Sondereinheit [Zêrevanî] der Peschmerga, und Schaukat Kaniki, Chef des Sicherheitsdienstes. Alle drei Verantwortlichen sind ursprünglich aus Duhok, waren jedoch an jenem Tag in Sindschar. Die drei sind am 3. August mit etwa achthundert bis tausend ihrer Leute nach Syrien geflohen.

KurdWatch: Wurde die Bevölkerung gewarnt, als sich die Peschmerga zurückzogen?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Wie gesagt, bis sechs Uhr fünfundvierzig gab es keine besonderen Probleme. Der IS hat dann innerhalb von dreißig Minuten den Sindschar eingenommen. Es ist ganz schnell gegangen. In nur einer halben Stunde ist es sehr schwer, die Menschen zu warnen. Es hat sich aber schnell herumgesprochen, dass die Peschmerga in Schaikh Khidr eine Niederlage erlitten hatten und der IS die Grenze zum Sindschar durchbrechen konnte.

KurdWatch: Wie weit ist Schaikh Khidr von der Stadt Sindschar entfernt?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Mit dem Auto nicht einmal fünfundzwanzig Minuten. Das Problem war ja, dass die Peschmerga keinen Widerstand mehr geleistet haben. Ich kann sagen, dass die Peschmerga noch vor der Bevölkerung geflohen sind. Sie glaubten, dass sie ein direktes Angriffsziel sind und die Kämpfer des IS sie auf jeden Fall töten würden, sollten sie ihnen in die Hände fallen.

KurdWatch: Gab es einen Befehl, zum Beispiel des Peschmergaverantwortlichen Saʿid Kesay, dass die Peschmerga sich zurückziehen?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Er und Sarbast Bapiri haben entschieden, dass der Rückzug erfolgen soll.

KurdWatch: Es wird behauptet, die Entscheidung über den Rückzug sei in Erbil getroffen worden. Es wird gesagt, dass den Verantwortlichen in Erbil bewusst war, dass es eine Massenflucht geben und der IS brutal mit den Yeziden umgehen würde und dass man in diesem Fall internationale Hilfe, auch Waffen, bekommen könnte. Dass also die Verfolgung und Ermordung der Yeziden in Kauf genommen wurde, um dieses Ziel zu erreichen.
Nauaf ʿIsa ʿAli: Ich bezweifle das. Der IS hat seit über einem Jahr seinen Terror in Syrien verbreitet, und in den letzten drei Monaten auch im Irak. Viele Christen wurden getötet, ohne dass die internationale Gemeinschaft etwas unternommen hätte. Wieso sollte das anders sein, wenn Yeziden angegriffen werden? Niemand hat mit dieser internationalen Solidarität rechnen können. Ich gehörte zu denen, die am 3. August den ganzen Tag mit den politischen und militärischen Verantwortlichen von Sindschar zusammen waren. Ich habe in jener Nacht nicht geschlafen und habe diese Leute bis zum frühen Morgen begleitet. Ich glaube nicht, dass die Entscheidung in Erbil getroffen wurde. Ich war mit Sarbast Bapiri, Saʿid Kesay, Schaukat Kaniki und einigen anderen Leuten, darunter auch Qasim Schescho, zusammen, als die Entscheidung zum Rückzug getroffen wurde. Wir waren im Parteibüro der KDP in Sindschar. Es gab keine Möglichkeit, sich mit der nächsthöheren Stelle zu koordinieren. Einige Minuten, nachdem wir Sindschar verlassen hatten, hatten die Truppen des IS bereits die Stadt erreicht. Nachdem der erste Posten überrannt worden war, haben sie hierfür keine halbe Stunde mehr gebraucht. Die Entscheidung, sich zurückzuziehen, wurde innerhalb von zwei Minuten getroffen. Es blieb keine Zeit zu diskutieren oder Kontakt nach Erbil aufzunehmen.

KurdWatch: War Qasim Schescho mit der Entscheidung zum Rückzug einverstanden?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Nein, er hat um die vorhandenen schweren Waffen gebeten. Er wollte im Sindschar bleiben und kämpfen. Er hat gesagt, dass er zumindest versuchen wird, die heilige yezidische Stadt Scharaf ad‑Din zu schützen. Qasim Schescho konnte mit den wenigen ihm unterstehenden Kämpfern die Stadt Sindschar nicht verteidigen. Er ist mit seinen Leuten in die Berge gegangen, nach Scharaf ad‑Din. Er wusste, dass die Truppen des IS die heiligen Stätten der Yeziden zerstören würden. Sie hatten das bereits an anderen Orten getan und Scharaf ad‑Din ist ein wichtiges Heiligtum. Es liegt in den Bergen und kann mit wenigen Männern geschützt werden.

KurdWatch: Wieso hatten die Peschmerga im Sindschar kaum schwere Waffen? Wurden solche angefordert? Wieso hat die Zentrale keine schweren Waffen geliefert?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Als der Sindschar angegriffen wurde, hatte der IS bereits von der iranischen Grenze im Osten Irakisch-Kurdistans bis nach Sindschar im Westen Angriffe durchgeführt. Die Front, an der Peschmerga und IS aufeinandertrafen, war um die tausendfünfhundert Kilometer lang. Wir Pressevertreter haben in unseren Berichten immer wieder darauf hingewiesen, dass es schwere Kämpfe im Sindschar mit dem IS geben würde. Ich glaube, die Führung in Erbil hat dennoch nicht damit gerechnet, dass der IS die Kontrolle über den Sindschar erlangen könnte. Die Verantwortlichen im Sindschar haben der Führung auch ein falsches Bild von der Situation vermittelt. Jedes Mal, wenn die Führung Kontakt mit den Verantwortlichen aufgenommen hat, wurde gesagt, dass alles ruhig sei und kein Bedarf an Unterstützung bestehe. Noch am Abend des 2. August wurde dieses Bild via Kurdistan TV vermittelt. Ich habe die entsprechenden Interviews mit den Verantwortlichen geführt. Selbst ich habe nicht geglaubt, dass die Peschmerga fliehen und die Bevölkerung dem IS ausliefern würden.

KurdWatch: Es gibt Gerüchte, dass es zwar schwere Waffen für den Sindschar gab, diese aber illegal verkauft wurden. Stimmt das? Nawaf Isa Ali: Als der IS Tall ʿAfar und Mosul eingenommen hat, war die 11. Division der irakischen Armee an der Grenze zum Sindschar stationiert. Sie hatte schwere Waffen. Sarbast Bapiri, Saʿid Kesay und Schaukat Kaniki haben alle Waffen aus dem Sindschar bringen lassen. Wir wissen, dass sie einen Teil nach Irakisch-Kurdistan transportiert und einen anderen, großen Teil auf dem Schwarzmarkt verkauft haben. Sie haben Verrat an der Bevölkerung begangnen und ihre Stellung zur eigenen Bereicherung missbraucht. Sie sind ihrer Posten enthoben worden. Sie sind in Haft und warten auf ihren Prozess.

KurdWatch: Wie viele Peschmerga waren im Sindschar stationiert, als der IS angegriffen hat?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Mehr als dreitausend Peschmerga.

KurdWatch: Wie hoch war die Zahl der Kämpfer des IS, als sie Sindschar angegriffen haben?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Das weiß ich nicht. Es geht nicht darum, ob der IS mehr Kämpfer hatte als wir oder umgekehrt. Der IS hatte schwere Waffen und die Peschmerga nicht.

KurdWatch: Ihrer Beschreibung nach hat die Übernahme des Sindschar durch den IS nicht mehr als eine Stunde gedauert. Die internationale Presse und auch die Presse der PKK und der PYD behauptet, die PKK beziehungsweise die PYD habe die Menschen aus Sindschar geschützt. Wie haben sie die Menschen geschützt und wann sind PYD und PKK überhaupt Akteure in diesem Konflikt geworden?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Die PYD und die PKK hatten vor dem Einmarsch des IS nicht einen einzigen Kämpfer im Sindschar. Sie sind erst ein Akteur im Konflikt geworden, als Masʿud Barzani den Peschmerga, die nach Syrien geflohen waren, die Einreise nach Irakisch-Kurdistan über Fisch Khabur verweigert und ihnen den Befehl gegeben hat, in den Sindschar zurückzukehren. Die achthundert bis tausend Kämpfer, die mit Sarbast Bapiri, Saʿid Kesay und Schaukat Kaniki nach Syrisch-Kurdistan geflohen waren, sind dann in den Sindschar zurückgekehrt, begleitet von etwa zweihundert Kämpfern der PYD. Es gab einen einzigen Weg in die Berge, einen einzigen Zugang zum Sindschar, der nicht vom IS kontrolliert wurde. Die Peschmerga haben dann gemeinsam mit der PYD einen Korridor für die Flüchtlinge in den Bergen gebildet. Es hat hier kaum militärische Auseinandersetzungen mit dem IS gegeben. Es sind auch keine Kämpfer der PYD oder Peschmerga umgekommen. Die PYD hat im Sindschar nicht gekämpft und sie hat die Yeziden nicht gerettet; das ist nichts weiter als Propaganda der PYD. Das einzige, was sie getan hat, war, gemeinsam mit den Peschmerga diesen Korridor zu bilden und den Flüchtlingen zu erlauben, nach Syrisch-Kurdistan ein- und später wieder nach Irakisch-Kurdistan auszureisen.

KurdWatch: Wenn ich Sie richtig verstehe, hat die PYD die Grenze nach Syrien für die Flüchtlinge aus dem Sindschar geöffnet und mit einer kleinen Einheit von rund zweihundert Kämpfern achthundert bis tausend Peschmerga dabei unterstützt, einen Korridor für die Flüchtlinge zu schaffen. Ist es überhaupt zu Auseinandersetzungen mit dem IS gekommen?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Dort, wo sie diesen Korridor gebildet haben, war der IS nicht präsent. Dort gibt es nur kleine Dörfer. Strategisch ist dieses Gebiet für den IS nicht wichtig gewesen. Der IS hat sich für die größeren Städte interessiert und für die Hauptstraße, die durch den Sindschar nach Syrien führt. Die nächste größere Stadt, die der IS unter seiner Kontrolle hatte, war Sununi. Von hier haben sie einige Raketen abgefeuert. Zu einem direkten Kampf ist es nicht gekommen. Der IS hat auch nicht versucht, den Flüchtlingen den Weg abzuschneiden. Das ist auch der Grund, warum kein einziger Peschmerga und kein einziger Kämpfer der PYD bei der sogenannten Befreiung der Yeziden umgekommen ist.

KurdWatch: Was war mit Qasim Schescho, hat er gegen den IS gekämpft?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Zunächst ist er mit seinen Leuten in die Berge gegangen. Er hatte anfänglich rund dreihundert Kämpfer um sich. Er und seine Leute haben einigen yezidischen Flüchtlingen den Weg nach Syrien gezeigt und drei- oder viermal hat der IS das Heiligtum Scharaf ad‑Din angegriffen. Die Leute von Qasim Schescho haben sie zurückgeschlagen. Sie haben einige Kämpfer des IS getötet, aber auch Schescho hat Leute bei der direkten Auseinandersetzung mit dem IS verloren. Qasim Schescho ist KDP‑Mitglied und Kommunikationsverantwortlicher der KDP in Sindschar gewesen. Er hat bereits in den 1980er Jahren gegen die Diktatur von Saddam Hussein gekämpft. Aber auch er hat nicht versucht, den Sindschar gegen den IS zu verteidigen. Er hat davon abgesehen, weil ihm klar war, dass er dem IS klar unterlegen ist. Was er machen konnte war, das Heiligtum Scharaf ad‑Din zu schützen. Ich hatte Kontakt mit ihm, als er in den Bergen war. Er sagte, die YPG [die Miliz der PYD] versuche, die Berge von Sindschar einzunehmen. Sie wollten auch mit ihm kooperieren, aber er hat abgelehnt. Es ging soweit, dass die YPG kurze Zeit ein Embargo gegen ihn und seine Leute verhängte. Daraufhin hat er in einem Interview erklärt, dass er, sollte die YPG das Embargo gegen seine Kämpfer nicht aufheben, keinen Unterschied zwischen YPG und IS sehe. Wenn das Embargo nicht aufgehoben werde, würde er notfalls auch gegen die YPG kämpfen. Zu dem Konflikt ist es gekommen, als die YPG ihre Fahne auf dem Dschabal Sindschar hissen wollte. Schescho hatte dieses Ansinnen abgelehnt und gesagt, dass auf dem Dschabal Sindschar keinerlei Parteifahnen gehisst werden. Er hat verstanden, dass es der PKK und der PYD um parteipolitische Interessen geht und nicht um die Menschen im Sindschar. Die PKK wollte die verständliche Wut und Enttäuschung unter den Yeziden im Sindschar gegenüber den Peschmerga nutzen, um an Einfluss zu gewinnen. Die YPG hat Flüchtlinge rekrutiert und eine eigene Miliz für den Sindschar aufgebaut. Flüchtlinge, die nicht bereit waren, sich ihr anzuschließen, wurden entwaffnet.

KurdWatch: Wer hat die Kämpfer von Schescho unterstützt?
Nauaf ʿIsa ʿAli: Die irakische Regierung hat sie aus der Luft mit Nahrungsmitteln versorgt und die kurdische Regionalregierung hat sie bewaffnet. Am 15. September hat sich Masʿud Barzani mit Qasim Schescho in Duhok getroffen. Schescho ist jetzt Peschmergaverantwortlicher für Sindschar und Barzani hat zugesagt, dass er schwere Waffen erhalten wird.

16. September 2014

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