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Ahmad Mustafa, ehemaliges Mitglied der regimekritischen Jugendbewegung von Aleppo:
»Ich wünschte mir, internationale Menschenrechtsorganisationen würden Druck auf die PYD ausüben, damit sie mir meinen Sohn zurückgeben«

KURDWATCH, 4. Februar 2014 – Ahmad Muhammad Mustafa, geb. 1977 in Khaltan bei ʿAfrin, engagierte sich zu Beginn der syrischen Revolution in der regimekritischen Jugendbewegung von Aleppo. Um ihn zu bestrafen, ließ die PKK seine Frau ermorden und entführte seinen Sohn. Bis heute wird Ahmad Mustafa von der PKK gesucht, seit 2013 lebt er im Ausland.


KurdWatch: Wie begannen Ihre Aktivitäten in der syrischen Revolution? Wo waren Sie und was taten Sie?
Ahmad Mustafa: Nach Beginn der Revolution in Ägypten haben wir, eine Gruppe junger Leute, die sich gut kannten, begonnen, uns zusammen mit Verwandten regelmäßig in Aleppo zu treffen. Wir debattierten über die revolutionären Ereignisse der Region und darüber, was wir in Syrien gegen das Assadregime machen könnten. Die kurdischen Parteien in Aleppo taten ja fast nichts. Wir wollten die Kurden dazu ermutigen, sich an einem Aufstand gegen das Regime zu beteiligen, um als syrische Kurden unsere Rechte einzufordern. Wir wollten für den März 2011 Demonstrationen organisieren. Der März ist für uns Kurden ja schon immer ein Kampfmonat. Wir planten also für den 10. März die erste Kundgebung. Am Abend des 9. März bekam unser Genosse Zaki Muhammad einen Anruf von der PKK‑Führung in Damaskus. Es hieß, unsere Namen seien auf ihrer Liste, und wir sollten uns unterstehen, gegen das Regime zu demonstrieren. Die Partei untersage das, und jeder, der trotzdem demonstriere, werde umgebracht. Wir trafen uns daraufhin und vereinbarten, erst einmal abzuwarten, wie ernst diese Drohung zu nehmen sei. Wir trafen uns nun alle zwei Tage und planten weiter Demonstrationen, bis in Darʿa die syrische Revolution begann. Wir erhielten zweimal eine Einladung von einer Gruppe namens Yekîtiya Star, die sich als Organisation ehemaliger kurdischer Guerillakämpferinnen aus Qandil im Nordirak bezeichnete. Wir wollten zunächst nichts mit ihnen zu tun haben. Aber als wir sahen, wie die PKK im Aleppiner Stadtteil Schaikh Maqsud gemeinsam mit dem Regime gegen jede Regung der Kurden vorging – insbesondere der PKK-nahe Parlamentsabgeordnete Muhammad Saʿid tat sich hier hervor und organisierte Demonstrationen für das Regime –, beschlossen wir, uns doch einmal mit diesen Leuten zu treffen. Wir wollten ihnen die Botschaft mitgeben, dass wir keine Einmischung der PKK in die syrische Revolution wünschen und vereinbarten ein Treffen für den 21. April 2011.

KurdWatch: Wann fand das Treffen mit der PKK statt, wie lief es ab?
Ahmad Mustafa: In Aleppo trafen wir uns im Stadtteil Schaikh Maqsud mit den führenden PKK‑Leuten Muhammad Saʿid, Dschamal Duraidsch und Abu Farhad. Auf unserer Seite waren eine Gruppe junger Kurden und Studenten zugegen. Wir brachten zum Ausdruck, dass wir in Aleppo etwas bewegen und den revolutionären kurdischen Einfluss stärken wollten, weil wir Aleppo als Stadt und Wirtschaftsmetropole für wichtig hielten und außerdem viele Kurden dort lebten. Wenn wir als Kurden in der Revolution wahrnehmbar wären, wäre das auch ein Gewinn für die kurdische Sache. Wir verlangten von der PKK daher, sich entweder aufseiten der Kurden gegen das Regime zu stellen oder sich aus der Konfrontation zwischen Kurden und Regime herauszuhalten. Dschamal Duraidsch, der sich selbst als führendes Mitglied des militärischen Flügels der PKK in Syrien bezeichnete, bedachte uns mit einer Tirade von Beschimpfungen. Wir seien Verräter und er fragte uns gehässig, für wen wir arbeiteten, wer uns Geld gebe und wer uns gegen das Regime aufhetze. Dann sprach Muhammad Saʿid, der Parlamentsabgeordnete. Er sagte, er repräsentiere die PYD in Syrien, und meinte, wir seien noch jung und wüssten nichts über die Geschichte der Kurden und davon, wie man kämpfe. Sie dagegen verträten die Kurden aller vier Regionen. Dann schaltete sich Dschamal Duraidsch wieder ein und meinte, es liefen Vorbereitungen zur Gründung einer neuen kurdischen Organisation in Syrien, die sich mit den Ereignissen seit Beginn des Aufstandes befasse. Wir warnten unsererseits, dass jede Positionierung der PKK zugunsten des Regimes die Partei Popularität kosten und ihren Kampf und ihre Opfer beflecken würde. Wir kamen zu keiner Einigung. Es kam dann noch zu zwei weiteren Begegnungen, die letzte davon fand am 5. Mai 2011 statt. Dschamal Duraidsch bescheinigte mir bei dieser Gelegenheit, dass wir jungen Revolutionäre nichts würden ausrichten können und dass die PKK sich nicht neutral verhalten werde. Ich verlangte, höhere Führungskräfte zu sprechen, damit diese mir das persönlich bestätigen. Duraidsch meinte dann, die Führung sei in Qandil und sie entscheide dort. Ob ich wolle, dass sie mich dorthin bringen? Auf meine Nachfrage nach der Verantwortung für meine Unversehrtheit bekräftigte er, ich würde heil wieder zurückkommen.

KurdWatch: Sind Sie nach Qandil gefahren?
Ahmad Mustafa: Ja, ich hatte es mit Dschamal Duraidsch verabredet und wurde dann tatsächlich zunächst von Aleppo nach al‑Qamischli gebracht. Dort kam ich bei einer Familie unter, in der ein Familienmitglied als PKK‑Kämpfer zu Tode gekommen war. Ich hoffte, von al‑Qamischli nach Qandil weiterreisen zu können, musste aber eine volle Woche warten. Dann kam ein etwa vierzigjähriger Mann namens Farhan zu mir und teilte mir mit, dass alle Straßen nach Qandil unterbrochen seien, weil der Iran die Grenzregion bombardiere. Ich solle nach Aleppo zurück. Nach dem Fest, also etwa drei Wochen später, solle ich wieder nach al‑Qamischli kommen, dann könne man mich nach Qandil bringen. Ich reiste zurück nach Aleppo und kappte nach und nach meine Verbindungen zu den PKK‑Kurden. Zugleich wurde der Aufstand immer heftiger. Meine Geschwister, viele meiner Verwandten und unsere Gruppe beteiligten sich an der friedlichen Revolution. Am 15. September 2011 wurde ich verhaftet. Polizisten von der Wache Bab an‑Nairab stürmten meine Wohnung und nahmen mich mit. Sie hielten mich als Geisel, denn sie wollten, dass meine beiden Brüder sich der Polizei stellten. Die suchten sie wegen ihrer Teilnahme an regimefeindlichen Demonstrationen. Drei Wochen später konnte einer meiner Brüder sich nach Griechenland absetzen, und ich kam im Rahmen einer Amnestie frei, die das Regime zur Eindämmung des Aufstands erlassen hatte.

KurdWatch: Warum wurden Sie anschließend in Aleppo zur Zielscheibe der PKK?
Ahmad Mustafa: Nachdem in Schaikh Maqsud und in Aleppo insgesamt bekannt geworden war, dass meine Brüder und ich vom Regime gesucht werden, wurden wir zum Ziel von PKK‑Milizen, die vom Regime beauftragt waren, die Kurden in Syrien ruhig zu halten. Dazu kam, dass meine Frau Faryal ʿIsu, die ich Ende 2009 geheiratet hatte, früher die Ehefrau von Ibisch Muhammad gewesen war, bis sie von ihm geschieden wurde. Dieser Ibisch war in Aleppo als Regimespitzel tätig, sein Vater arbeitete für die Staatssicherheit in ʿAfrin. Nach Ausbruch der syrischen Revolution rückte diese Familie immer näher an die PKK heran und betätigte sich im Sicherheitsapparat der Partei. Ibisch und seine Familie fühlten sich durch die PKK beziehungsweise die PYD jetzt so stark, dass sie begannen, mich zu drangsalieren und meine Familie zu erpressen.

KurdWatch: Wie sahen diese Belästigungen und Erpressungen aus, waren der politische oder der militärische Flügel der PYD daran beteiligt?
Ahmad Mustafa: Mitte Januar 2012 kam Ibisch Muhammad, der Exmann meiner Frau, mit einer Gruppe PKK‑Milizen zum Haus meines Schwiegervaters und meinte, er wolle seine Frau wieder zurück. Unsere Heirat sei ungültig, daher sei sie noch immer seine Ehefrau! Er würde sie mit Gewalt zurückholen, und seine Männer würden mich und meine Brüder umbringen. Tatsächlich kam es zu mehreren Versuchen von vermummten Bewaffneten, in meine Wohnung in Schaikh Maqsud einzudringen, aber mich bekamen sie nicht zu fassen, weil ich mich versteckt hielt und permanent meinen Aufenthaltsort wechselte. Ich begriff jetzt, dass meine Familie und ich in Lebensgefahr waren und dass ich ins Ausland flüchten musste. Ich mietete anderswo in Aleppo zwei Wohnungen, eine für meine Frau und meine Kinder, die andere für meinen Vater. Ich beschloss, meine Familie nach und nach außer Landes zu bringen. Am 22. Februar 2012 überquerte ich mit meinem Bruder Kawa und meinem Sohn Perwer die Grenze zur Türkei. Perwer stammt aus einer früheren Ehe, Faryal ist nicht seine Mutter. Wir fuhren nach Istanbul. Mein anderer Bruder, Nischtiman, der seit einiger Zeit in Griechenland lebt, wartete dort auf uns. Ich wollte meine Familie nach Griechenland bringen und dann nach Aleppo zurück, um die Übrigen nachzuholen. Die türkische Grenze war damals relativ stark bewacht, deshalb konnten wir nicht alle auf einmal ausreisen. Außerdem war im Dezember 2011 mein Sohn Ahmad geboren worden. Er war damals erst zwei Monate alt. Seine Mutter Faryal hatte außerdem drei weitere Kinder: Mustafa, 13, Muhammad, 11, und Almas, 8 Jahre alt, alle von ihrem geschiedenen Mann. Seit unserer Heirat 2009 hatten sie alle bei uns gelebt. Als wir versuchten, illegal von der Türkei nach Griechenland einzureisen, griff uns der Grenzschutz auf und wir kamen in ein türkisches Gefängnis. Währenddessen fanden die PKK‑Milizionäre heraus, wo meine Frau in Aleppo wohnte. Sie stellten die Wohnung auf den Kopf und verbreiteten bei der Stürmung im ganzen Viertel Terror. Faryal war zum Glück gerade bei ihren Eltern und flüchtete von dort am 2. März 2012 mit unserem kleinen Sohn und ihrer jüngsten Tochter direkt in die Türkei. Die beiden älteren Jungen ließ sie bei ihrer Familie in Aleppo. Als sie in Istanbul war, bekam sie einen Anruf von ihrem Bruder, der ihr versicherte, dass die PKK ihr nichts mehr anhaben wolle und dass es sicher sei, wenn sie wieder zurück nach Aleppo käme. Man suche nur ihren Mann, also mich. Ich sei zum Tode verurteilt, aber ihr wolle niemand etwas zu Leide tun! Weil meine Frau um ihre beiden anderen Kinder in Aleppo fürchtete und sie die Zusicherung ihres Bruders hatte, reiste sie tatsächlich zwei Tage später zurück nach Aleppo. Die türkischen Behörden ließen mich wieder frei, und ich telefonierte nach Aleppo. Ich sprach mit meiner Frau und ihrer Familie. Mein Schwiegervater sagte mir, das Problem mit Ibisch sei gelöst und die PKK habe mich von der Fahndungsliste genommen. Wenn ich meine Frau haben wolle, müsse ich sie aber abholen kommen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als zurückzufahren. Ich reiste von Istanbul aus Richtung Syrien und kam am 14. März 2012 in der Grenzstadt Kilis an. Ich konnte aber nicht sofort über die Grenze, weil das Regime gerade Aʿzaz mit schwerer Artillerie und Flugzeugen beschoss. Als ich am nächsten Tag nach Syrien einreisen konnte und meine Familie anrief, teilte sie mir mit, dass Faryal ermordet worden sei!

KurdWatch: Wer hat Ihre Frau umgebracht und warum?
Ahmad Mustafa: Eine bewaffnete Gruppe der PYD hat sie ermordet. Sie wurde angeführt von ihrem geschiedenen Ehemann Ibisch Muhammad und von Muhammad ʿAli ʿIsu, einem Cousin ihres Vaters, der der PKK angehört, sowie dessen Bruder Akram ʿIsu. Ich fand später heraus, dass meine Frau und ihre Kinder von dieser Gruppe in der Wohnung ihrer Eltern festgehalten worden waren, als ich sie von Istanbul aus angerufen hatte und mir gesagt wurde, ich solle zurückkommen und mein Leben sei nicht mehr in Gefahr. Die Entführer hatten sie mit vorgehaltener Waffe gezwungen, das zu sagen und damit bezweckt, mich zurückzulocken und zu schnappen. Als ich nicht gleich zurückkam – meine Reise von Istanbul nach Kilis und dann nach Aleppo dauerte über vier Tage, und die Entführer mich nicht erreichten, dachten sie, ich hielte sie hin und käme nicht und ermordeten meine Frau. Die Kinder behielten sie, um mich auch dadurch weiter unter Druck setzen zu können und mir auch mit der Ermordung meiner Kinder drohen zu können, falls ich mich nicht stellte. Ich erfuhr später, dass es ihr Exmann war, der zum Mord an ihr gedrängt hatte und dass Akram ʿIsu alles finanziert hat. Den Mord selbst hat Muhammad ʿIsu verübt. Und das alles geschah mit direkter Deckung und Unterstützung und Beteiligung der PYD unter Führung von Muhammad Mahmud, der in Khaltan bei ʿAfrin sehr bekannt ist. Seitdem haben diese Leute die Kinder meiner getöteten Frau und meinen kleinen Sohn in ihrer Gewalt. Bis heute kann ich meinen kleinen Ahmad nicht sehen, obwohl ich ein ganzes Jahr lang versteckt in Syrien lebte, in der Hoffnung, es könnte eine Möglichkeit geben, dass ich meinen Sohn zurückbekomme und mit ihm ausreise. Aber alle Versuche scheiterten, und mein Leben war zunehmend in Gefahr. Im März 2013 musste ich wieder ins Ausland ausweichen. Seitdem geht mir das Bild meines kleinen Sohnes nicht aus dem Kopf. Mein Leben ist zur Hölle geworden. Ich habe alles verloren, was ich in Syrien hatte. Meine Frau wurde ermordet, mein Sohn wurde mir weggenommen, und ich lebe ohne festen Wohnsitz im Ausland. Und das alles nur, weil ich gegen die Politik der PKK und der PYD war und nicht bereit gewesen bin, unter der Fahne der Volksverteidigungseinheiten zu arbeiten. Man hat meinen Ruf geschädigt und behauptet, ich hätte Abdullah Öcalan beschimpft, ich sei ein Parteigänger von Erdoğan, verrate die Kurden und weitere haltlose Anschuldigungen. Alles, was ich getan habe, war, dass ich gegen das Assadregime war, mich an Demonstrationen zum Sturz des Regimes beteiligt habe und mich mit meinen Brüdern der syrischen Revolution angeschlossen habe. Wir konnten gar nicht anders, als uns gegen die PYD/PKK zu stellen, weil diese ein Bündnis mit dem Regime eingegangen war. Daraufhin haben sie an mir und meiner Familie auf diese schreckliche Weise Rache genommen. Ich will meinen Sohn Ahmad zurück. Das ist meine einzige Forderung, nachdem ich alles verloren habe. Ich wünschte mir, internationale Menschenrechtsorganisationen würden Druck auf die PYD ausüben, damit sie mir meinen Sohn zurückgeben.

21. November 2014

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