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Schamsa Husain ʿAntar, Lehrerin:
»Wenn wir sexuelle Übergriffe beobachten, holen wir den Täter und schlagen ihn heftig«
KURDWATCH, 30. September 2015 – Schamsa Husain ʿAntar wurde 1967 in ʿAmuda geboren und lebt derzeit in al‑Qamischli. Sie ist ausgebildete Kindererzieherin und arbeitet seit dreiundzwanzig Jahren als Lehrerin. ʿAntar berichtet über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Frauen, der ihrer Einschätzung nach in den vergangenen Jahren in den kurdischen Gebieten zugenommen hat. Das Interview zeigt die Hilflosigkeit von Erziehern, Lehrern und Eltern angesichts sexueller Gewalt, den Mangel an Institutionen und NGOs, die sich dieser Thematik annehmen und die desolate Situation der Schulen in Syrisch-Kurdistan, vier Jahre nach Beginn der syrischen Revolution.


KurdWatch: Sie haben in einem Interview mit der Zeitschrift »Suwar« gesagt, dass in den letzten Jahren der sexuelle Missbrauch in den kurdischen Gebieten zugenommen hat. Was bedeutet das genau? Wer sind die Täter?
Schamsa Husain ʿAntar: Sexuellen Missbrauch gibt es in ganz Syrien und auch in den kurdischen Gebieten. Aber es wird kaum darüber gesprochen. Das ist ein Tabuthema. Beide Seiten, sowohl Täter als auch Opfer, werden stigmatisiert. Meistens sind Mädchen in der Pubertät die Opfer, außerdem Kinder und Frauen, die Behörden in privater Angelegenheit aufsuchen müssen.

KurdWatch: Wie werden Frauen, die Behörden aufsuchen, zu Opfern?
Schamsa Husain ʿAntar: Viele Frauen, die eine Behörde aufsuchen, werden sexuell belästigt. Manchmal werden Angelegenheiten immer wieder verzögert, die Frau wird immer wieder auf die Behörde bestellt, um dann von ihr Sex zu fordern. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Lehrerin weiß ich zudem, dass in den kurdischen Gebieten von Frauen, die sich auf Lehrerstellen bewerben, regelmäßig Sex als Einstellungsvoraussetzung gefordert wird.

KurdWatch: Sind Ihnen konkrete Fälle bekannt, in denen Kinder oder ihre Familienangehörige von sexueller Belästigung berichtet haben?
Schamsa Husain ʿAntar: Die Mutter einer meiner Schülerinnen aus der ersten Klasse erzählte mir, dass ihr sechzigjähriger Nachbar das sechs Jahre alte Mädchen sexuell missbraucht. Sie sagte mir wörtlich: »Ich habe Angst, meinem Mann davon zu erzählen. Ich befürchte, dass er sonst ein Verbrechen an dem Nachbarn begehen wird. Das Problem ist, dass meine Tochter mittlerweile freiwillig zu dem Nachbarn geht«. Ich habe lange überlegt, wie ich mit diese Situation umgehen soll. Ich habe keine andere Lösung gefunden, als zu der Tochter des Vergewaltigers zu gehen. Die Tochter ist zwanzig Jahre alt und hat versprochen, mit ihrem Vater zu sprechen. In den Schulen kommt es in den Toiletten zu sexuellen Handlungen zwischen den Schülern. Oft zwischen älteren und jüngeren Schülern. Ich habe einmal beobachtet, dass eine Schülerin aus der Toilette rannte. Sie schien sich sehr erschreckt zu haben. Das machte mich stutzig und ich habe nachgefragt. Sie sagte schließlich, zwei ältere Jungen hätten sie nicht in die Toilette gelassen. Ich habe daraufhin in der Toilette nachgesehen. Ein Sechstklässler bewachte die Toilettentür, der andere war in der Kabine. Als der vor der Tür mich sah, gab er dem Jungen in der Kabine ein Zeichen und beide rannten davon. Als ich in die Klasse zurückgehen wollte, sah ich ein Zweitklässlerin aus der Toilette kommen. Ich habe sie mit in meine Klasse genommen und wollte von ihr wissen, was in der Toilette passiert ist. Schließlich hat sie gesagt, dass die Jungen sie ausgezogen und abwechselnd sexuell belästigt hätten. Sie habe dafür zehn Syrische Lira angeboten bekommen. Ich war sehr verärgert und habe die zwei Jungen aus ihrer Klasse geholt. Da sie geleugnet haben, habe ich sie geschlagen, bis sie alles zugegeben haben. Ich habe daraufhin mit einem Erzieher der Schule gesprochen. Aber er sagte, dass er nichts machen könne, da er Angst habe, von den Eltern der Jungen umgebracht zu werden. So habe ich mit der Mutter des Mädchens gesprochen, aber die Namen der Jungen nicht genannt. Da alle sich kennen und Nachbarn sind, wollte ich nicht, dass eine große Geschichte daraus gemacht wird.

KurdWatch: Sie haben gesagt, dass Fälle von sexuellem Missbrauch seit 2011 zugenommen haben. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?
Schamsa Husain ʿAntar: Es gibt tatsächlich seit 2011 mehr Fälle von Missbrauch. Einer der Gründe ist, dass die Eltern weniger Zeit für die Kinder haben. Sie interessieren sich mehr für die Nachrichten und die Situation im Land. Sie haben es auch schwerer, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt mehr Armut, und aufgrund dieser Armut müssen viele Familien in einem Raum leben. Kinder bekommen die sexuellen Handlungen ihrer Eltern mit. Armut führt auch dazu, dass ältere Kinder Geld anbieten und dafür von jüngeren Kindern Sex verlangen. KurdWacht: Werden Kinder auch in der eigenen Familie Opfer von sexuellem Missbrauch?
Schamsa Husain ʿAntar: Ich denke, das passiert weniger in der Familie. Auch dann, wenn der Wunsch nach Sex mit Kindern besteht, gibt es kaum Gelegenheit dafür, da es nur wenig Platz gibt. Sexueller Missbrauch außerhalb der Wohnung wiederum findet vor allem zwischen älteren Männern und Kindern statt. Frauen sind weniger betroffen, da sie sich nicht so lange außerhalb ihrer Wohnung aufhalten.

KurdWatch: Wird in den Schulen diskutiert, wie mit sexuellen Übergriffen umgegangen werden kann?
Schamsa Husain ʿAntar: Unsere Schulen sind nur dem Namen nach Schulen. Tatsächlich ist die Schule nicht mehr als ein Gebäude mit Büchern, alten, kaputten Tischen und Lehrern, die ihres Lebens überdrüssig sind. Die Kinder werden kaum unterrichtet. Im Lehrplan sind Gesundheitsstunden vorgesehen. Hier könnten die Lehrer über solche Fragen mit den Kindern diskutieren. Aber meistens wird in dieser Stunde gar nichts unterrichtet. Der Lehrer sagt den Kindern, sie sollen sich beschäftigen. Und denkt in dieser Stunde über sein schlechtes Leben nach, darüber, wie er seine eigenen Kinder mit seinem geringen Lohn ernähren kann. Der Beruf des Lehrers ist heute einer der schlechtesten Berufe in Syrien. Es gibt keine Möglichkeiten, sich durch Korruption zu bereichern und man kann auch nichts stehlen. Wenn wir sexuelle Übergriffe beobachten, holen wir den Täter und schlagen ihn heftig. Im besten Fall sprechen wir mit den Eltern. Die Eltern machen uns verantwortlich und es wird eine große Geschichte daraus gemacht. Es kommt soweit, dass gegen Lehrer geklagt wird, mit der Begründung, dass Kinder unbegründet verdächtigt wurdenworden seien. Kurz gesagt, unsere Schulen heißen nur Schulen, sind es aber nicht. Wir haben zum Beispiel an jeder Schule einen Erzieher. Was aber macht er? Er sammelt in der ersten Stunde alle Kinder ein, führt sie in ihre Räume und dann geht er nach Hause. Unsere Schulen leiden unter Chaos. Unsere Schulen vermitteln seit circa zehn Jahren keine vernünftige Bildung mehr. Mit der syrischen Revolution hat sich die Situation an den Schulen weiter verschlechtert.

KurdWatch: Wie wird Kindern geholfen, die sexuell missbraucht oder belästigt wurden? Gibt es eine Behörde, die dafür zuständig ist oder zivile Organisationen, die sich um diese Kinder kümmern?
Schamsa Husain ʿAntar: Es gibt keine Behörde, die sich für solche Fälle zuständig fühlt. Die Erziehungsbehörde existiert nur dem Namen nach. Sie erfüllt kaum Aufgaben. Und die verschiedenen Hilfsorganisationen kommen einmal im Jahr vorbei. Ihre Leute verteilen ein paar Schultaschen oder sonst irgendwelche Hilfsgüter, die gerade einmal zehn Prozent der Schüler erreichen. Den Rest nehmen die Regionalbehörden für sich, sie werden auf dem Schwarzmarkt verkauft.

KurdWatch: Gibt es Familien, die ihre Kinder wegen der Gefahr des sexuellen Missbrauchs nicht in die Schule schicken?
Schamsa Husain ʿAntar: Die Familien schicken ihre Kinder in die Schule, um Ruhe zu haben. Die Kinder haben nichts zu Hause, womit sie ihre Freizeit verbringen können. Es gibt die meiste Zeit keinen Strom. Früher konnten die Kinder zumindest vor dem Fernseher sitzen. Da es öfter keinen Strom gibt, geht auch das nicht mehr. Es gibt auch keine Spielplätze oder Parks. Alle Straßen sind dreckig. Seit drei Jahren vermehren sich Hautkrankheiten bei unseren Kindern. Sie haben oft Läuse in den Haaren oder Wanzen. Sie können sich auch nicht waschen, da es wenig Wasser gibt. Es gibt nur alle drei Tage Wasser. Entschuldige, ich habe das Thema gewechselt, ich leide sehr aufgrund des Leids der Kinder und wegen unseres frustrierenden Lebens.

Berlin, den 24. August 2015

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