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Interviews

Dschan Qamischloki, kurdischer Aktivist:

»Die meisten Demonstranten beten nicht«


KURDWATCH, 29. Juni 2011 - Im KURDWATCH-Interview erklärt der 32-jährige kurdische Aktivist Dschan Qamischloki*, wie die regimekritischen Demonstrationen in den kurdischen Gebieten organisiert werden.

KURDWATCH: Wer organisiert die regimekritischen Protestaktionen in den kurdischen Gebieten?
Dschan Qamischloki: Es gibt mehrere kurdische Gruppen, die zusammen die Demonstrationen organisieren. Ihre Mitglieder sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die Gruppen stehen miteinander in ständigem Kontakt. Wir agieren möglichst im Geheimen. Daher kennen sich nicht alle Mitglieder. Wir kommunizieren meist online. Diejenigen, die sich kennen, treffen sich auch regelmäßig. Unsere Aufgabe ist es, die Demonstrationen in den kurdischen Gebieten zu organisieren.

KURDWATCH: Die Freitagsdemonstrationen finden jedes Mal unter einem anderen Motto statt. Wer entscheidet darüber?
Dschan Qamischloki: Der Gesamtvertreter der kurdischen Gruppen ist in ständigem Kontakt mit den Vertretern der anderen syrischen Gruppen. Im Internet werden Vorschläge gemacht, die Vertreter der verschiedenen Gruppen einigen sich dann auf ein Motto. Vor einigen Wochen haben wir durchgesetzt, dass die Freitagsdemonstrationen unter dem Namen »Azadî« (Freiheit) stattfanden. Damit wollten wir zeigen, dass die Kurden und die kurdische Sprache ein Teil Syriens sind.

KURDWATCH: Wie wird eine Demonstration organisiert?
Dschan Qamischloki: Mitte der Woche einigen wir uns auf die Slogans für die Demonstrationen in den kurdischen Städten. In jeder Stadt werden Transparente verteilt. In al-Qamischli versammeln wir uns jeden Freitag an der Qasimo-Moschee und warten, bis die Menschen mit dem Freitagsgebet fertig sind und sich uns anschließen. Die Aktivisten kommen aus verschiedenen Richtungen, damit, sollte es dazu kommen, nicht alle gleichzeitig festgenommen oder alle Transparente beschlagnahmt werden. Die meisten Demonstrationsteilnehmer beten nicht und kommen zur Moschee, um an der Demonstration teilzunehmen. An den Tagen vor der Demonstration machen wir die Bevölkerung auf die Proteste aufmerksam, sowohl durch Flugblätter als auch durch Mundpropaganda und auf Facebook. Die Demonstration dauert eine halbe Stunde. Sie endet meistens mit verschiedenen Reden von Parteien und anderen Organisationen. Die Transparente werden sofort danach vernichtet.

KURDWATCH: Wer nimmt an den Demonstrationen teil?
Dschan Qamischloki: Es sind meist Jugendliche. An den Demonstrationen nehmen aber auch Kinder, Frauen, Mädchen, ältere Männer teil; kurz: unter ihnen findet man Personen aus allen Bevölkerungsschichten. Es sind auch Menschen dabei, die mit ihrer persönlichen Situation unzufrieden sind und eine Verbesserung herbeisehnen. Alle nehmen an den Demonstrationen teil, obwohl sie wissen, dass sie festgenommen werden können.

KURDWATCH: Wie reagieren die Menschen an den Straßenrändern?
Dschan Qamischloki: Meistens sind die Menschen am Straßenrand zahlreicher als die Demonstrationsteilnehmer. Viele zeigen ihre Sympathie für unsere Demonstrationen, beteiligen sich aber nicht daran. Sie sind noch unentschlossen, was die Teilnahme an den regimekritischen Demonstrationen betrifft. Ein Grund für ihre Zurückhaltung ist die Abwesenheit der Araber und Christen bei den Demonstrationen in al-Qamischli. Vereinzelt nehmen diese zwar teil, aber nicht in der erhofften Menge.

KURDWATCH: Und wie reagieren die Polizei und die Geheimdienste?
Dschan Qamischloki: Sie beobachten die Demonstrationen und filmen sie. Ansonsten haben sie die Anweisung, die Demonstranten nicht anzugreifen. Nach den Demonstrationen werden regelmäßig einige Aktivisten festgenommen und später wieder aus der Haft entlassen. Sie werden dann wegen Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration angeklagt.

KURDWATCH: Wie verhalten sich die kurdischen Parteien?
Dschan Qamischloki: Wir stehen in regelmäßigem Kontakt mit den kurdischen Parteien. Vor allem die Kurdische Einheitspartei in Syrien (Yekîtî), die Kurdische Freiheitspartei in Syrien (Azadî) und die Kurdische Zukunftsbewegung in Syrien unterstützen unsere Demonstrationen und beteiligen sich daran. Viele aktive Teilnehmer unserer Gruppen haben einen parteipolitischen Hintergrund.

KURDWATCH: Wie gelangen die Aufnahmen der Demonstrationen an die Medien?
Dschan Qamischloki: Bei uns hat jeder eine Aufgabe. Es gibt Aktivisten, deren Aufgabe ist es, mit ihren Mobiltelefonen Videos aufzunehmen und Fotos zu machen. Noch während der Demonstration gehen sie mit dem Material an einen geheimen Ort und versendet von dort die Filme und die Bilder an die Medien und veröffentlichen sie im Internet. Einige von uns haben türkische Internetverbindungen, sodass man das Material leichter und schneller verschicken kann.

* Name von der Redaktion geändert.

29. Juni 2011

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