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Interviews

Samir Naschar, Sprecher der Erklärung von Damaskus:

»Die Kurden müssen die gleichen Rechte bekommen wie alle anderen auch«


KURDWATCH, 12. August 2011 - Samir Naschar (geb. 1945) ist Vorsitzender des Generalsekretariats und Sprecher der im Oktober 2005 in Damaskus gegründeten Erklärung von Damaskus für den nationalen demokratischen Wandel. Naschar ist Händler und lebt in Aleppo. Im Gespräch mit KURDWATCH skizziert er Lösungsansätze der kurdischen Frage in Syrien.

KurdWatch: Herr Naschar, die Erklärung von Damaskus sieht für die Kurdenfrage in Syrien eine »gerechte demokratische« Lösung vor. Was heißt das?
Samir Naschar: Für uns in der Erklärung von Damaskus ist die Kurdenfrage in Syrien eine nationale Frage, die in einem neuen, demokratischen, vielfältigen und zivilen Staat in einem nationalen Rahmen gelöst werden muss. Wie alle anderen arabischen, assyrischen, aramäischen oder tscherkessischen Staatsangehörigen sind auch die Kurden syrische Bürger. Wir sind der Meinung, dass die Demokratie Lösungen für alle nationalen Probleme bringen kann. Wir sind weiterhin der Meinung, dass gleiche staatsbürgerliche Rechte für alle Syrer, dass die Gleichheit vor dem Gesetz die Lösung all unserer Probleme garantiert.

KurdWatch: Was meinen Sie, wenn Sie von staatsbürgerlichen Rechten sprechen?
Samir Naschar: Damit ist gemeint, dass alle Staatsangehörige die gleichen Rechte und Pflichten haben. Es gibt keinen Bürger erster oder zweiter Klasse. Alle Bürger müssen vor dem Gesetz gleichbehandelt werden, so wie beispielsweise in Deutschland, Frankreich oder in den Vereinigten Staaten von Amerika.

KurdWatch: Welche Rechte, die sie heute noch nicht haben, sollen die Kurden im neuen Syrien bekommen?
Samir Naschar: Es gibt heute viele Kurden, die nicht im Besitz der syrischen Staatsangehörigkeit sind. Es gibt viele staatliche Positionen, die für Kurden unzugänglich sind. In den kurdischen Gebieten wird heute eine diskriminierende Politik ausgeübt. Die Kurden haben das Recht auf eine eigene Kultur, Tradition, Sprache und auf eigene Universitäten. Wir in der Erklärung von Damaskus haben uns mit den kurdischen Parteien, die Mitglied sind, geeinigt, dass all diese Probleme auf Basis der Einheit des syrischen Territoriums und Volkes gelöst werden sollen. Schließlich sind wir alle Syrer.

KurdWatch: Das würde auch bedeuten, dass die kurdische Sprache in den kurdischen Gebieten als zweite offizielle Sprache gelehrt und offiziell gesprochen werden kann?
Samir Naschar: Ja, natürlich. All diese Probleme können im neuen Syrien auf den Tisch gebracht und diskutiert werden. Alles, was nicht gegen die Einheit Syriens verstößt, kann diskutiert und verwirklicht werden. Dafür ist ein demokratisches Klima notwendig. Eine Diskriminierung aufgrund von Rasse, Religion oder Ethnie kann nicht mehr toleriert werden. Das wird in keinem modernen, zivilen Staat toleriert, der von sich behauptet, demokratisch und vielfältig zu sein. Wir in der Erklärung von Damaskus suchen nach Lösungen, die alle Seiten zufrieden stellen, seien es Kurden, Araber oder Assyrer. Wir fürchten uns nur vor Extremisten, ganz egal auf welcher Seite. Es kann nicht sein, dass ein kurdischer Bürger sagt, dass er kein Syrer ist. Genauso kann es nicht sein, dass ein Araber oder Assyrer sagt, dass er nicht in erster Linie Syrer ist.

KurdWatch: Die wichtigste Forderung der Kurden ist ihre verfassungsrechtliche Anerkennung als zweite Ethnie in Syrien. Wird dies möglich sein?
Samir Naschar: Das kann ich nicht sagen. Ich selbst halte nichts vom Nationalismus, auch nicht vom arabischen Nationalismus. Ich möchte, dass der kurdische Nationalist auf gleicher Ebene mit dem arabischen Nationalisten steht. Es gibt bei einigen arabischen Gruppen die Befürchtung, dass die Anerkennung der Kurden als zweite Ethnie dazu führen könnte, dass die Kurden in Zukunft die Abspaltung von Syrien, ein Selbstbestimmungsrecht oder Selbstverwaltung fordern werden. Wir sind eine Familie und wir müssen die Probleme dieser Familie gemeinsam, frei und ohne Druck lösen.

KurdWatch: Wie wird man mit den Folgen von Arabisierungsprojekten umgehen, etwa mit denen des »Arabischen Gürtels«, im Rahmen dessen viele Kurden enteignet und vertrieben wurden?
Samir Naschar: Um ehrlich zu sein, verfüge ich nicht über detaillierte Informationen über die Auswirkungen der Arabisierungsprojekte in den kurdischen Gebiete. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder, der enteignet worden ist, das Recht hat, seinen Besitz zurückzubekommen. Eine Enteignung darf nicht im Nachhinein legitimiert werden, Entschädigung ist nur dann eine Lösung, wenn der Enteignete damit einverstanden ist.

KurdWatch: Syrien wird zentralistisch geführt. Die Provinzen haben keine weitreichenden Befugnisse. Ist dies auch ein Modell für die Zeit nach Baschar al‑Assad?
Samir Naschar: Der starke Zentralismus, der mit einer ausgeprägten Bürokratie einhergeht, ist vor allem aus verwaltungstechnischen Gründen ungeeignet. Die lokalen Behörden der einzelnen Provinzen müssen größere Kompetenzen erhalten. Sie können die Bedürfnisse in den Provinzen besser einschätzen als die Zentrale. Der zentralistisch geführte Staat hat sich als hemmend für die innere Entwicklung des Landes erwiesen.

KurdWatch: Wie bewerten Sie die Beteiligung der kurdischen Parteien an den landesweiten regimekritischen Protesten und Demonstrationen?
Samir Naschar: Wir werfen den kurdischen Parteien vor, dass sie sich nicht effektiv an der syrischen Revolution beteiligen. Wir schätzen den syrisch-nationalen Geist der kurdischen Jugend sehr, die sich nicht an der Haltung der kurdischen Parteien orientiert. Ihre starke Beteiligung an der syrischen Revolution ist sehr lobenswert. Doch leider müssen wir feststellen, dass viele kurdische Parteien sich so gut wie gar nicht an der syrischen Revolution beteiligen, sei es in den kurdischen Gebieten, sei es in Aleppo, wo viele Kurden leben. Es scheint, dass diese Parteien weiterhin auf einen Dialog mit dem Regime setzen. Diese Haltung wird sicherlich auch Auswirkungen auf die Zeit nach dem Sturz des Regimes haben.

8. August 2011

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