KurdWatch
 

Bleiben Sie informiert mit unserem Newsletter
Ihre E-Mail-Adresse

anmelden
abmelden
 
 

Interviews

Salih Muslim Muhammad, Vorsitzender der PYD:

»Die Handlanger der Türkei in Syrisch-Kurdistan sind für die Unruhen hier verantwortlich«


KURDWATCH, 8. November 2011 - Salih Muslim Muhammad (geb. 1951, Chemieingenieur, verheiratet, fünf Kinder) ist seit 2010 Vorsitzender der Partei der Demokratischen Union (PYD), der syrischen Zweigstelle der PKK. Aus Angst vor politischer Verfolgung war er 2010 in den Irak geflohen, wo er sich in einem PYD‑Lager im Garegebirge aufhielt. Nach Beginn der regimekritischen Proteste kehrte er gemeinsam mit weiteren PYD‑Mitgliedern nach Syrien zurück. Bereits am Tag nach seiner Rückkehr nahm er an einer PYD‑Kundgebung in al‑Qamischli teil. Im Gespräch mit KURDWATCH äußert sich Salih Muslim Muhammad zur Rolle der PYD im Rahmen der syrischen Revolution und zu ihren Aktivitäten in Syrien.

KurdWatch: Wir möchten für KurdWatch ein Interview zur aktuellen Situation in Syrien mit Ihnen führen. Haben Sie Zeit für ein Gespräch?
Salih Muslim Muhammad: Zuerst möchte ich sagen, dass ich eine Anmerkung zu KurdWatch habe. Ihr habt vor ein oder zwei Tagen eine Nachricht veröffentlicht, in der der PYD bestimmte Taten unterstellt werden. Wir akzeptieren das nicht. Es ist nicht eure Aufgabe, Gerüchte zu verbreiten. Die PYD ist eine politische Organisation. Wir lehnen politisch motivierte Gewalt und die Unterdrückung von Menschen ab, wir verurteilen sie. Um eins klar zu machen: Die PYD hat niemanden entführt und niemanden bedroht. Zeigt mir eine einzige Person, die sagt, dass sie von der PYD entführt und bedroht worden ist. Das ist nichts als Propaganda, die das Ziel hat, die PYD und die kurdische Freiheitsbewegung zu diskreditieren. Das lehnen wir ab. Es gibt Kräfte, die hinter diesen Anschuldigungen stehen. Man will die PYD als eine Kraft, die viele Anhänger hat, diskreditieren.

KurdWatch: Wen meinen Sie mit diesen »Kräften«?
Salih Muslim Muhammad: Es gibt hier einige Personen, die Beziehungen zur Türkei haben, vor allem zur Abteilung Sonderkrieg. Diese Personen wurden dort ausgebildet und sind nun nach Syrien zurückgekommen. Sie haben die Aufgabe, unseren Ruf zu schädigen. In den letzten zehn Jahren hat die türkische Regierung einiges in diese Richtung unternommen.

KurdWatch: In ʿAin al‑ʿArab (Kobanî) und Raʾs al‑ʿAin (Serê Kaniyê) wurden kurdische Aktivisten entführt und schwer gefoltert. In beiden Fällen wird die PYD verantwortlich gemacht.
Salih Muslim Muhammad: Wie in allen Gesellschaften gibt es auch in der kurdischen Gesellschaft Probleme. Es gibt unmoralische Geschehnisse, so beispielsweise den Drogenkonsum. Es gibt Personen, die Drogen verkaufen. Der Staat und äußere Mächte stecken dahinter. Sie wollen die Gesellschaft auseinanderbringen. Es gibt Menschen, die dies nicht akzeptieren. Das sind nicht wir. In einigen kurdischen Städten gibt es Bordelle. Auch hier gibt es Menschen, die dagegen sind. Nicht die PYD, sondern die Gesellschaft akzeptiert dies nicht. Daher ist es selbstverständlich, dass es entsprechende Reaktionen gibt. Es wird versucht, diese Reaktionen politisch einzuordnen. Es gibt aber keinen politischen Hintergrund.

KurdWatch: Die Kurdische Zukunftsbewegung in Syrien hat der PYD wiederholt vorgeworfen, dass sie ihre Aktivisten bedroht. In einem Interview mit dem Radiosender Voice of America beschuldigt beispielsweise Harvin Usi, Führungsmitglied der Zukunftsbewegung, führende Kader der PYD in Damaskus, sie mit dem Tod bedroht zu haben.
Salih Muslim Muhammad: Das stimmt nicht. Niemand von der PYD hat irgendwen bedroht. Legt uns Fakten vor. Wir sind eine Volksorganisation. Jeder kann zu uns kommen und uns kritisieren. Wir haben kein Problem damit.

KurdWatch: Nach dem ersten Attentatsversuch gegen ihn hat der Sprecher der Zukunftsbewegung, Mischʿal at‑Tammu, indirekt die PYD für diese Tat verantwortlich gemacht. Nicht wenige Kurden in Syrien sind der Meinung, dass die PYD hinter seiner Ermordung steht. Was sagen Sie dazu?
Salih Muslim Muhammad: Mischʿal at‑Tammu war ein Kurde, ein syrischer Oppositioneller. Als Kurde war er einer von uns. Wir empfinden seine Ermordung als die Ermordung von einem von uns. Auch wenn wir politische Differenzen hatten, standen wir in einer gemeinsamen Front gegen den syrischen Staat. Es ist ausgeschlossen, dass wir hinter seiner Ermordung stehen. Die Mörder wollten, dass andere für ihre Tat verantwortlich gemacht werden. Es gibt nichts schlimmeres, als eine Person zu töten und dann ihre Familie zu beschuldigen.

KurdWatch: Haben Sie unter den syrischen Kurden Feinde?
Salih Muslim Muhammad: Wir haben keine Feinde innerhalb der kurdischen Gesellschaft. Wir haben politische Freunde und es gibt andere, mit denen wir politische Differenzen haben. Wir erwarten nicht, dass alle so denken wie wir. Nur, weil jemand andere politische Vorstellungen hat, ist er nicht unser Feind. Die Feinde des kurdischen Volkes sind unsere Feinde - andere Feinde haben wir nicht.

KurdWatch: In den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat die PKK in Syrien viele ihrer kurdischen Kritiker getötet, vielen anderen wurden Körperteile abgetrennt, wieder andere wurden bedroht und geschlagen. Muss man Angst haben, dass die PYD in Zukunft Ähnliches vorhat?
Salih Muslim Muhammad: Wenn die PKK damals Personen bestraft hat, hatte sie ihre Gründe, so viel wissen wir aus dieser Zeit. Entweder handelte es sich um Verräter oder um Personen, die der PKK Schaden zugefügt hatten. Es gab PKK‑Gerichte, die Strafen bestimmt haben. Oder Personen wurden bestraft, weil das Volk es wollte. Die PYD ist eine politische Organisation. Wenn jemand uns verrät, wird er bestraft. Doch bei uns gibt es keine Gewalt oder Morde. Die PKK hat militärische Einheiten, die ihren eigenen Gesetzen folgen, wie überall auf der Welt innerhalb des Militärs. Sie handeln nicht wie politische Organisationen.

KurdWatch: Die Kritiker der PYD werfen Ihnen vor, kein syrisches Projekt zu verfolgen. Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie ausschließlich im Interesse der PKK handeln.
Salih Muslim Muhammad: Wir haben in Syrien Sprachschulen und Kulturzentren eröffnet, nicht in der Türkei. Dass wir in Syrien die Philosophie und Ideologie Apos [Abdullah Öcalans] anwenden, hat einen Grund: Sie bietet die beste Lösung für die kurdischen Probleme in Syrisch-Kurdistan. Wir nehmen aber keine Befehle von irgendeiner Stelle entgegen.

KurdWatch: Wie stellt die PYD sich die Zukunft der Kurden in Syrien vor?
Salih Muslim Muhammad: Wir haben ein Projekt vorgelegt: die »demokratische Eigenständigkeit«. Dabei handelt es sich aber nicht um Autonomie, das muss klar sein. Wir haben alles erklärt, die praktischen Schritte dargestellt und schon angefangen, dieses Projekt umzusetzen. Wir als kurdische Freiheitsbewegung lehnen das klassische Verständnis von Macht ab. Wir lehnen klassische Modelle wie Föderalismus, Konföderalismus, Selbstregierung und Autonomie ab. Unser Ziel ist die Bildung einer neuen kurdischen Gesellschaft, die Bildung eines freien Menschen, eines Menschen mit freiem Willen und freiem Denken. Die Lösung finden wir in der demokratischen Eigenständigkeit. Es geht um die Schaffung einer neuen Gesellschaft, und die Frage ist nicht, ob ein Landrat, ein Bezirksbürgermeister oder ein Gouverneur zu uns gehört. Es geht darum, die Gesellschaft von Grund auf zu erneuern. Es geht um Kultur, Institutionen, Bau, Organisation, Dörfer und Städte. Uns geht es nicht um Autonomie. Autonomie bringt uns Kurden nicht voran.

KurdWatch: Was ist mit der Forderung nach der verfassungsrechtlichen Anerkennung der Kurden als zweite Ethnie in Syrien?
Salih Muslim Muhammad: Das ist auch unsere Forderung. Wir haben diese Forderungen dem Nationalen Zusammenschluss der Kräfte des Demokratischen Wandels aufgezwungen.

KurdWatch: In einigen kurdischen Städten hat die PYD kurdische Kulturzentren und Sprachschulen eröffnet. Was bezwecken Sie damit?
Salih Muslim Muhammad: Das sind konkrete Schritte der demokratischen Eigenständigkeit. Wir gründen Vereine, machen Tagungen, wir eröffnen auch Sprachschulen, Frauenzentren und Kulturzentren. Wir wollen, dass das Volk weiß, was wir wollen und unser Projekt unterstützt. Das Volk glaubt selbst noch nicht, dass es Organisationen wie Sprachschulen und Kulturzentren nötig hat. In Syrien haben wir zurzeit die beste Gelegenheit, solche Schulen und Zentren zu öffnen. Auch wenn sie eher symbolisch sind.

KurdWatch: Haben Sie für die Eröffnung dieser Schulen und Zentren vom syrischen Staat eine Erlaubnis bekommen?
Salih Muslim Muhammad: Für Dinge, die wir für unser Volk tun, beantragen wir keine Genehmigung, von niemandem. Es gibt keine gesetzliche Grundlage für diese Projekte.

KurdWatch: Ohne Genehmigung hätte die PYD auch früher schon derartige Projekte beginnen können. Warum erst jetzt, was hat sich geändert?
Salih Muslim Muhammad: Auch damals haben wir gekämpft. Viele unserer Mitglieder sind inhaftiert worden. Jetzt aber haben wir festgestellt, dass das Regime seit Beginn der Unruhen keine Möglichkeit hat, uns anzugreifen. Greift es uns doch an, wird es sehen, was passiert. Wir profitieren von den Unruhen. Sie sind eine historische Chance für uns. Wir haben ein Recht und machen von diesem Gebrauch. Wir bringen niemanden um und bekämpfen auch niemanden. Wir bereiten uns und unser Volk auf die Zeit nach dem Fall des Regimes vor.

KurdWatch: Es gibt Informationen, dass bewaffnete PYD‑Mitglieder in der Region ʿAfrin, in ʿAin al‑ʿArab (Kobanî) und al‑Malikiya (Dêrik) durch den syrischen Staat mit Sonderbefugnissen ausgestattet worden sind. Die Rede ist von Lagern der PYD.
Salih Muslim Muhammad: Das stimmt nicht. Im Irak, im Garegebirge, haben wir eine Basis, ich selbst war auch dort. Unsere Mitglieder wurden und werden dort ausgebildet. Viele von ihnen sind nach Syrien zurückgekehrt. Wir haben hier jedoch keine Lager. Wir haben hier auch keine Waffen. Sollte es notwendig sein, können wir jedoch Waffen bekommen. Wir können unser Volk beschützen. Wir greifen nicht nach der Macht. Wir haben überall Gruppen. In den Städten und auch in den Dörfern. Wir bringen unserem Volk bei, wie es sich schützen kann. Es geht nicht darum, dass wir Leute von außen holen, damit sie die Menschen beschützen - unser Volk soll sich selbst schützen.

KurdWatch: In den letzten Jahren wurden viele Mitglieder und Sympathisanten der PYD festgenommen und zu jahrelangen Strafen verurteilt. Auch Sie sind aus Angst vor Verhaftung in den Irak geflüchtet. Nach Beginn der Proteste sind Sie, wie viele andere PYD‑Mitglieder auch, nach Syrien zurückgekehrt. Sie bewegen sich frei, organisieren Demonstrationen, eröffnen Sprachschulen und Kulturzentren, ohne dass der Staat Sie daran hindert. Gibt es zwischen der PYD und dem syrischen Regime ein Abkommen?
Salih Muslim Muhammad: Als ich nach Syrien gekommen bin, wurde ich von bewaffneten Kadern meiner Partei begleitet. Ich bin gekommen, um meine Partei in den jetzigen Kampf zu führen. Der Staat weiß, dass es im Falle der Verhaftung des PYD‑Vorsitzenden überall zu schweren Protesten kommen wird. Das kann der Staat nicht wollen.

KurdWatch: Es gibt viele Stimmen in Syrien, die den Sturz von Präsident Baschar al‑Assad und seinem Regime fordern. Was fordern Sie?
Salih Muslim Muhammad: Wir fordern eine grundlegende Änderung des unterdrückerischen Systems. Es gibt einige, die die Parole Regimesturz hochhalten, wir hingegen fordern den Sturz des autoritären unterdrückenden Systems. Unsere Probleme sind keine Machtprobleme. In Damaskus kommen und gehen Machthaber. Für uns Kurden ist dies nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir Kurden unser Dasein behaupten. Weder das jetzige Regime akzeptiert uns, noch die eventuell kommenden Machthaber. Unsere Politik unterscheidet sich von einer Politik, die nach der Macht greifen. Das muss klar sein.

KurdWatch: Können Sie sich vorstellen, mit den Muslimbrüdern zusammenzuarbeiten?
Salih Muslim Muhammad: Nein. Die Muslimbrüder erkennen die Existenz der Kurden nicht an. Sie haben mit der Türkei ein Abkommen unterzeichnet, dass sie die Existenz der Kurden leugnen werden, wenn sie in Syrien an die Macht kommen.

KurdWatch: Die Muslimbrüder erkennen an, dass es in Syrien Kurden gibt und dass diese das Recht haben, neben ihren kulturellen Rechten auch die staatsbürgerlichen Rechte zu erhalten.
Salih Muslim Muhammad: Sie meinen wohl die Assimilierungsrechte. Im Personalausweis wird dann stehen, dass ein Kurde ein arabischer Syrer ist. Die kurdische Sprache soll auch weiterhin verboten bleiben. Den Kurden reichen die staatsbürgerlichen Rechte nicht mehr aus. Wir verlangen eine verfassungsrechtliche Anerkennung der Kurden.

KurdWatch: Vor einigen Wochen hat Duran Kalkan, Mitglied des Führungsrates der Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) gesagt, dass sich die PKK in Syrien im Kampf gegen die AKP befindet. Cemil Bayik, ein weiteres Führungsmitglied der KCK, soll gesagt haben, dass die PKK einen Krieg gegen die Türkei führend werde, wenn die Türkei sich in die inneren Angelegenheiten Syriens einmischt. Was hält die PYD davon?
Salih Muslim Muhammad: Ja, das ist auch unsere Position. Wir vertreten die gleiche Philosophie und Ideologie. Gemeint ist aber der politische Krieg. Wenn die Türkei sich gegen die Existenz der Kurden in Syrien positioniert, dann werden wir dazu nicht schweigen. In den letzten zehn Jahren, in denen die Türkei gute Beziehungen zum syrischen Staat pflegte, hat sie auch unter den Kurden viele Handlanger installiert. Die Handlanger der Türkei in Syrisch-Kurdistan sind für die Unruhen hier verantwortlich. Die Türkei hat Angst davor, dass die Kurden in Syrisch-Kurdistan ihre Rechte bekommen.

KurdWatch: Wer sind die kurdischen Handlanger der Türkei?
Salih Muslim Muhammad: Alle, die jetzt im Syrischen Nationalrat sitzen und das Abkommen mit der Türkei unterzeichnet haben. Wir glauben nicht, dass sie wissen, was um sie herum geschieht. Wer nicht öffentlich gegen die türkische Position Haltung bezieht, den betrachten wir als Handlanger der Türkei.

KurdWatch: Im Syrischen Nationalrat sitzen auch Vertreter der Kurdischen Einheitspartei in Syrien (Yekîtî) und der Kurdischen Freiheitspartei in Syrien (Azadî). Beide Parteien sind zudem, ebenso wie die PYD, Mitglied der Kurdischen Patriotischen Bewegung in Syrien.
Salih Muslim Muhammad: Ja, das wissen wir. Wir haben ihnen gesagt, was uns stört. Wir fordern auch von ihnen eine klare Haltung. Mag sein, dass sie nicht wissen, was im Abkommen des Syrischen Nationalrats mit der Türkei steht.

20. Oktober 2011

www.kurdwatch.org -  © 2009 - 2011 [ E-Mail: info@kurdwatch.org ]