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Interviews

Zuhair Salim, Sprecher der Muslimbruderschaft in Syrien:

»Zur Hölle mit der syrischen [Identität]! Wir erkennen Syrien nicht an«


KURDWATCH, 4. Dezember 2011 - Zuhair Salim (geb. 1947) ist Schriftsteller und lebt in London. Im KurdWatch-Interview äußert sich der Sprecher der syrischen Muslimbruderschaft zur Kurdenfrage in Syrien.

KurdWatch: Am 17. Mai 2005 haben die Muslimbrüder sich erstmalig ausführlich zur Kurdenfrage in Syrien geäußert. Es war die erste Stellungnahme einer syrischen politischen Partei zur Kurdenfrage in Syrien. Dort bezeichnen Sie die Kurden als »einen echten Bestandteil des Gefüges des syrischen Volkes«, der auf seinem »historischen Territorium« lebt. Sie führen aus, dass die Kurden in einem Rechtsstaat an der Macht beteiligt werden müssen. Was ist heute von dieser Vorstellung geblieben?
Zuhair Salim: Wir streben einen Rechtsstaat an. Jede Person, die in Syrien lebt oder dort geboren ist, muss die gleichen Rechte genießen, ganz egal ob Araber, Kurde, Muslim, Christ, Sunnit oder Alawit. An dieser Haltung wird sich nichts ändern. Alle müssen überzeugt sein, dass sie gleich sind. So darf beispielsweise ein Alawit nicht denken, dass er mehr Rechte hat als ein Sunnit. Und ein Araber darf nicht denken, dass er mehr Rechte hat als ein Kurde. Und umgekehrt. Das ist eine patriotische Sichtweise. Die kulturellen und ethnischen Besonderheiten jeder Gruppe, beispielsweise die Gewohnheiten und Rituale, müssen respektiert und akzeptiert werden.

KurdWatch: Nicht wenige Kurden vergleichen Ihr Konzept von den staatbürgerlichen Rechten mit der Assimilation der Kurden in Syrien.
Zuhair Salim: Wir betrachten die Kurden nicht als Minderheit, sondern als Teil der Mehrheit in Syrien. Geschichtlich waren die Kurden schon immer Hauptbestandteil der Mehrheit. Viele syrische Staatspräsidenten waren Kurden. Niemand hat gefragt, warum das so war. Auch der letzte Großmufti in Syrien war ein Kurde. Scheich Ramadan al‑Buti stammt selbst aus einer kurdischen Familie. Er hat eine ganze Generation syrischer Söhne und Töchter gelehrt. Wenn jemand als Mitglied einer Minderheit mehr Rechte als die Mehrheit haben will, dann stimmt etwas an dieser Sichtweise nicht. Keine Gruppe darf denken, dass sie mehr Rechte benötigt als die allgemeinen staatsbürgerlichen Rechte. Ist das falsch oder sind die anderen Sichtweisen falsch?

KurdWatch: Die von Ihnen angesprochenen kurdischen Persönlichkeiten haben sich nie für die Rechte der Kurden eingesetzt. Die Kurden wurden in Syrien nie als Bereicherung, sondern als Bedrohung betrachtet. Sie werden bis heute unterdrückt, weil sie Kurden sein wollen und keine Araber.
Zuhair Salim: Die Muslimbrüder befanden sich schon immer im Kampf mit den arabischen Nationalisten. Wir lehnen nationalistische Forderungen ab. Wenn wir gegen die Ideen arabischer Nationalisten wie Michel ʿAflaq, Salahuddin al‑Bitar und der Baʿthpartei sind, zeigt dies, dass wir die Menschen nicht nach ihrer ethnischen Herkunft beurteilen. Wir sind der Meinung, dass Menschen auf Grundlage von Prinzipien zusammenkommen oder sich trennen. Wir sind keine Anhänger ethnischer Projekte.

KurdWatch: Die Kurden bestehen aber auf ihren ethnischen Rechten und wollen über ihr Schicksal im Rahmen des syrischen Staates selbst bestimmen. Dabei werden Modelle wie Föderalismus, Selbstregierung oder Selbstverwaltung erwähnt.
Zuhair Salim: Wenn beispielsweise ein Kurde aus Kobanî, das in ʿAin al‑ʿArab umbenannt worden ist, nach Aleppo gekommen ist und sich dort niedergelassen hat, und nach fünf Jahren bei den Parlamentswahlen kandidiert und auch gewählt wird: Hat er dieses Recht oder nicht? Ich stelle diese Frage. Ich meine, dass dies sein Recht ist. Er ist Sohn dieser Gesellschaft und dieses Staates. So betrachten wir die Dinge. Das gleiche gilt für jemanden, der aus Aleppo oder Homs nach Kobanî oder ʿAfrin umgezogen ist. Hat er dann das Recht, dort für das Parlament zu kandidieren? Dies sind die Fragen, die gestellt werden müssen. Aber wenn wir sagen, dass wir Staaten in einem Staat gründen, das geht nicht. Syrien selbst ist noch kein Staat, Syrien ist ein Projekt für einen Staat. Das Sykes-Picot-Abkommen wird nicht nur von den Kurden abgelehnt, auch von den Arabern und von allen Syrern. Wir sind auf dem Weg, Sykes-Picot hinter uns zu lassen. Wenn Sie sich unser Papier zur Kurdenfrage anschauen, heißt es dort, dass die Kurden auf ihrem historischen Territorium leben. Auch wenn die Kurden aus der Türkei gekommen sind, betrachten wir sie nicht als Türken. Wir sind alle in diesem Land geboren, hier werden wir leben und sterben. Die Kurden sind ein echter Teil der Zivilisation, Ideologie, Geschichte und Demografie dieser Gegend.

KurdWatch: Sie sagen, jeder muss überall wählen und gewählt werden können. Was bedeutet dies für die Zulassung von Parteien? Wollen sie ethnische - kurdische und arabische - Parteien zulassen?
Zuhair Salim: Wir fordern, dass jeder die Partei gründen kann, die er gründen will. Das Volk wiederum entscheidet, von welchen Parteien es sich vertreten lassen will. Es können säkulare, ethnische oder religiöse Parteien gegründet werden.

KurdWatch: Die Kurden wollen ihre ethnischen Rechte in der syrischen Verfassung verankert haben.
Zuhair Salim: Wenn wir die staatsbürgerlichen Rechte garantieren, dann bekommen alle ihre Rechte. Wenn wir von den Kurden reden, was ist dann mit den Turkmenen? Wenn wir von den Turkmenen reden, was ist dann mit den Tscherkessen? Wenn wir von den Tscherkessen reden, was ist dann mit den Armeniern? Das kann doch nicht alles in die Verfassung einfließen. Es reicht, wenn es ein allgemeines Gesetz für alle gibt. Dann muss man sich nicht um jedes Details kümmern. Das muss klar sein. Der Syrische Nationalrat hat sich explizit mit den Rechten der Kurden befasst. Für die Rechte der Turkmenen gilt dies nicht. Wenn die Turkmenen gegen uns protestieren, was werden wir ihnen sagen? Auch die Rechte der Araber werden nicht separat behandelt. Warum? Staaten werden auf Grundlage allgemeiner Gesetzte errichtet. Auch hier in Großbritannien gibt es viele Ethnien. Die Briten unterteilen sich in Engländer, Schotten, Iren  In der Verfassung stehen keine Sonderrechte für die verschiedenen Ethnien. Wir respektieren diese Trotzreaktion, die an Sonderrechten für einzelne Gruppe festhält. Wir wissen, was unsere kurdischen Brüder an Leid und Ungerechtigkeit erfahren haben. Wir wissen, dass sie deswegen auf ihre eigene Identität pochen. Ich glaube aber, dass die allgemeinen staatbürgerlichen Rechte ihnen die notwendige Sicherheit geben werden.

KurdWatch: In den skandinavischen Ländern hat das Volk der Samen eigene Parlamente und kann über eigene Belange selbst bestimmen.
Zuhair Salim: Ich kenne diese Konzepte nicht, ich kann sie nicht mit der Realität in Syrien vergleichen. Es scheint mir um lokale Verwaltungsstrukturen zu gehen. Ein solches System gibt es jetzt schon. In den kurdischen Gebieten wird es Lokalverwaltungen geben, die sich um die Belange der Kurden kümmern. Die Kurden werden das Recht bekommen, sich selbst um die Entwicklung ihrer Gebiete, die Verwaltung ihrer Schulen und Krankenhäuser zu kümmern. Dies alles wird im Rahmen lokaler Verwaltung erfolgen.

KurdWatch: Das heißt auch, dass die Kurden neben der syrischen Flagge die kurdische Nationalflagge hissen dürfen?
Zuhair Salim: Die Flagge ist für mich nichts anderes als ein Symbol und das interessiert mich nicht besonders. Aber ich glaube, ein Staat sollte nur eine Flagge haben. Wie viele Flaggen benötigen wir? Wenn jeder neben der Staatsflagge seine eigene Flagge hisst, werden wir siebzig Flaggen haben, so wie bei den Vereinten Nationen. Die Kurden werden drei Flaggen haben, und das auch nur, wenn wir die Parteien außer Acht lassen. Wir müssen als Gemeinschaft denken, nicht als Einzelne. Diese individuelle Denkweise führt uns in die Irre.

KurdWatch: In Syrien steht im Personalausweis eines kurdischen Bürgers, dass er ein syrisch-arabischer Bürger ist. Obwohl er Kurde ist und nicht Araber. Wird dies im neuen syrischen Staat auch der Fall sein?
Zuhair Salim: Eine Gegenfrage: Welchen Status hat ein Turkmene, der in Irakisch-Kurdistan lebt?

KurdWatch: Er ist ein irakischer Turkmene. Er wird nicht als Kurde bezeichnet.
Zuhair Salim: Auch in Syrien ist ein Kurde Syrer.

KurdWatch: Ja, aber kein Araber, so wie es im Personalausweis steht.
Zuhair Salim: Leben in Irakisch-Kurdistan nur Kurden? Oder leben dort auch Araber, Turkmenen, Armenier und Assyrer? Die Identität der Allgemeinheit ist die der Mehrheit. Unter einer Bedingung: Die Identität einer Gruppe, die sich als Minderheit definiert, darf nicht negiert werden. Wir reden nicht von Minderheiten. Doch es gibt Menschen, die sagen, dass sie nicht zur Mehrheit gehören. Die Identität der Mehrheit ist die Identität des Staates. Die Minderheiten haben das Recht, in den Genuss eigener Rechte zu kommen. Ich sehe hier keinen Widerspruch. Wenn ein Araber in Zakho oder Erbil in Irakisch-Kurdistan lebt, dann heißt er irakischer Kurdistani. Das ist doch kein Problem. Warum soll man anderen nicht zugestehen, was wir für uns wollen?

KurdWatch: Kurdistani ist kein ethnischer Begriff, sondern auf die Region Kurdistan bezogen. Arabisch ist hingegen ein ethnischer Begriff und bezieht sich auf Mitglieder der arabischen Nation. Und die Kurden sind definitiv keine Araber.
Zuhair Salim: Arabisch zu sein ist kein Ausdruck einer Staatsangehörigkeit, sondern einer Identität.

KurdWatch: Warum verzichtet man nicht auf die Bezeichnung »arabisch« und spricht nur von der syrischen Identität?
Zuhair Salim: Nein, nein. Zur Hölle mit der syrischen [Identität]! Wir erkennen Syrien nicht an. Wer hat Syrien geschaffen? Sykes-Picot. Stimmt das oder stimmt das nicht?

KurdWatch: Ja, das stimmt.
Zuhair Salim: Sie und ich erkennen Sykes-Picot nicht an. Ihr [Kurden] fühlt euch von Sykes-Picot ungerecht behandelt. Auch wir fühlen uns von Sykes-Picot ungerecht behandelt. Syrien ist ein vorübergehendes Phänomen, ein nur vorübergehend existierender Staat. Unser Ziel ist die Schaffung eines Staates für die gesamte Umma. In diesem Staat wird ein Kurde Herrscher sein. Denn er wird von einem Volk von fünfunddreißig bis vierzig Millionen Menschen unterstützt werden.

KurdWatch: Sprechen Sie hier von einem unabhängigen kurdischen Staat?
Zuhair Salim: Nein, von einem islamischen Staat für alle. Araber, Kurden, Türken, Tscherkessen und alle anderen werden darin leben.

KurdWatch: Glauben Sie, dass Sie in Syrien dafür eine Mehrheit finden werden?
Zuhair Salim: Wir zwingen niemanden. Wenn die Mehrheit diese Idee nicht akzeptiert, dann eben nicht. Auch Ihre Frage zur syrischen Identität von morgen wird in einem Volksentscheid entschieden werden. Wir zwingen niemanden zu etwas, was er nicht will.

KurdWatch: Das bedeutet auch, dass die Kurden in den überwiegend kurdischen Gebieten entscheiden können, dass dort Kurdisch neben Arabisch zur Amtssprache wird?
Zuhair Salim: Das ist ihr Recht. Ich höre mir oft türkische und kurdische Lieder im Fernsehen an. Wissen Sie, dass die kurdischen Lieder richtig gut sind? Wir haben doch die gleiche Kultur. Warum mögt Ihr uns [Muslimbrüder] nicht?

KurdWatch: Wer mag Sie nicht?
Zuhair Salim: Viele. Ihr seid wie wir und wir sind wie Ihr. Es gibt keine Unterschiede. Gott ist großzügig. Wir wollen Sykes-Picot überwinden und wieder so zusammenleben, wie wir es tausendfünfhundert Jahre getan haben. Möge Gott uns helfen und wir all diese Krise hinter uns lassen.

KurdWatch: Die PYD/PKK wirft den Muslimbrüdern vor, mit der Türkei ein geheimes Abkommen unterzeichnet zu haben.
Zuhair Salim: Die Zusammenarbeit mit der Türkei ist keine Sünde. Wir arbeiten mit allen Seiten zusammen. Wir hoffen, dass die PKK nicht mit dem syrischen Regime zusammenarbeitet. Wir hoffen, dass die kurdischen Brüder ihre Situation richtig einschätzen können.

KurdWatch: Es wird Ihnen aber vorgeworfen, dass Sie im Rahmen des Syrischen Nationalrats der Türkei versprochen haben, die Existenz der Kurden in Syrien zu leugnen, sollten Sie an die Macht kommen.
Zuhair Salim: Die Erklärungen des Nationalrats sind für alle zugänglich. Wir hoffen, dass die PKK und die Kurden kurzfristig und auf friedlichem Wege ihre Rechte erlangen. Die Gelegenheit, die sich mit der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) bietet, wird sich nicht wiederholen. Aber natürlich kann die PKK ihre Interessen besser einschätzen.

KurdWatch: Die PKK hat wiederholt gesagt, dass sie sich in Syrien im Kampf mit der AKP befindet. Wie werden die Muslimbrüder sich verhalten, wenn die Türkei aus Syrien heraus angegriffen wird?
Zuhair Salim: Natürlich werden wir gegen diesen Angriff sein. Wir werden nicht zulassen, dass von Syrien aus andere Staaten bedroht werden.

12. November 2011

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