KurdWatch
 

Bleiben Sie informiert mit unserem Newsletter
Ihre E-Mail-Adresse

anmelden
abmelden
 
 

Interviews

Rezan Bahri Schaikhmus, Vorsitzender des Büros für allgemeine Kommunikation der Kurdischen Zukunftsbewegung:

»Während in ganz Syrien eine Volksrevolution stattfindet, streitet und ringt die Kurdische Patriotische Konferenz um Geld«


KURDWATCH, 19. Januar 2011 - Rezan Bahri Schaikhmus (geb. 1962, verheiratet, vier Kinder) ist Vorsitzender des Büros für allgemeine Kommunikation der Kurdischen Zukunftsbewegung. Der Ingenieur lebt in Syrien. Im Gespräch mit KurdWatch äußert sich Schaikhmus zur politischen Arbeit der Zukunftsbewegung nach der Ermordung ihres Sprechers Mischʿal at‑Tammu.

KurdWatch: Welchen Einfluss hatte die Ermordung von Mischʿal at‑Tammu am 11. September 2011 auf die Kurdische Zukunftsbewegung in Syrien?
Rezan Bahri Schaikhmus: Mischʿals Tod hat eine sehr, sehr große Wunde bei uns hinterlassen. Er war für uns wie ein Schutzschild. Er hat sich immer vor uns gestellt. Er war ein begnadeter Politiker und ein guter Theoretiker. Er hat dazu beigetragen, die Zukunftsbewegung voranzubringen und immer wieder wichtige Vorschläge in die Diskussion eingebracht. Mischʿal war einer der wenigen, die offen und ohne Angst ihre politische Position vortrugen. So wie er hat das niemand vor ihm getan. Durch Mischʿals Tod hat nicht nur die Zukunftsbewegung Schaden genommen, sondern die gesamte kurdische Bewegung. Seine offene Art hat vielen Menschen Mut und Kraft gegeben. Er gehörte zu den wenigen kurdischen Führungspersönlichkeiten, die von der arabischen Opposition geschätzt wurden. Er hätte im neuen Syrien eine bedeutende Rolle für die Kurden gespielt. Während der drei Jahre, die Mischʿal im Gefängnis verbracht hat, wussten wir, er würde zurückkommen und die Zukunftsbewegung mit seiner Energie anstecken. Jetzt wissen wir, er wird nicht mehr zurückkehren, und natürlich fehlt er unserer Bewegung sehr.

KurdWatch: Seit drei Monate hat die Zukunftsbewegung keinen Sprecher mehr. Es gibt Stimmen, denenzufolge die Führung sich nicht auf eine Person einigen kann. Stimmt das?
Rezan Bahri Schaikhmus: Nein. Glaub mir, innerhalb der Zukunftsbewegung gibt es überhaupt keine Streitigkeiten wegen dieser Frage. Absolut nicht. Der Sprecher wird - übrigens als einzige Führungsperson - laut unseren Parteistatuten direkt von der Mitgliederversammlung gewählt. Wir haben ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit, das die Aufgaben des Sprechers wahrgenommen hat, als Mischʿal im Gefängnis war. Das wird auch jetzt so gehandhabt, bis wir unseren Parteitag abhalten und einen neuen Sprecher wählen. Unabhängig davon hat nicht der Sprecher der Zukunftsbewegung das höchste Amt inne. Der Sprecher ist nur für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die höchste Funktion ist die des Vorsitzenden des Büros für allgemeine Kommunikation.

KurdWatch: Welche Rolle haben die anderen kurdischen Parteien bei der Ermordung von Mischʿal at‑Tammu gespielt?
Rezan Bahri Schaikhmus: Die kurdischen Parteien sind moralisch mitverantwortlich für die Ermordung von Mischʿal. Wir sagen nicht, dass sie ihn umgebracht haben. Für uns ist klar, dass das Regime verantwortlich ist, ganz unabhängig davon, welcher Instrumente es sich bedient hat. Gleich nachdem Mischʿal aus dem Gefängnis entlassen worden war hat er gesagt, er werde sich an der Revolution beteiligen und auf der Seite der jungen Aktivisten stehen. Er werde sich keiner Bewegung anschließen, die mit dem Regime Gespräche führen wolle. Daraufhin haben einige kurdische Parteiführer ihn angegriffen, ihn in Verruf gebracht und gesagt, dass er nicht mehr der kurdischen Bewegung angehört. Als der erste Mordanschlag auf ihn verübt wurde, haben wir gemeinsam mit den Koordinationskomitees der Aktivisten eine Kommission gebildet. Die Kommission hat Gespräche mit allen kurdischen Parteien geführt, an ihr Verantwortungsgefühl appelliert und sie gebeten, eine Erklärung zu veröffentlichen. Doch leider haben sie dies nicht getan. Der el‑Partî-Sekretär ʿAbdulhakim Baschar hat sogar behauptet, Mischʿal wolle sich nur wichtig machen mit seinen Erzählungen von einem Attentatsversuch, er präsentiere uns eine Geschichte wie aus einem schlechten indischen Film.

KurdWatch: Welche Rolle spielte die PYD bei der Ermordung von Mischʿal? Sie macht die Türkei für dessen Ermordung mitverantwortlich.
Rezan Bahri Schaikhmus: Das stimmt absolut nicht. Die Türkei hat mit seinem Tod nichts zu tun, dort hat man kein Interesse an der Ermordung von Mischʿal gehabt. Wieso sollten die Türken ihn umbringen lassen? Wir hatten massive Auseinandersetzungen mit der PYD, sie haben Mischʿal immer wieder heftig angegriffen. Aber wir sagen nochmals, niemand kann Mischʿal ohne die Zustimmung des Regimes umgebracht haben. Die syrischen Geheimdienste haben Mischʿal at‑Tammu getötet. Die kurdische Bewegung hätte sehr vom Tod Mischʿals profitieren können. Spätestens nach seinem Tod hätte sie sich aktiv an der syrischen Revolution beteiligen müssen. Ich bin mir sicher, wir Kurden hätten in diesem Fall den Erfolg der Revolution und das Erreichen ihrer Ziele erheblich befördern können. Eine solche Rolle hätte sich positiv auf die Umsetzung kurdischer Forderungen im neuen Syrien ausgewirkt.

KurdWatch: In einem Interview mit KurdWatch hat Mischʿal at‑Tammu erklärt, dass die Kurden in Massen auf die Straßen gehen würden, wenn auch nur ein einziger Kurde bei den Demonstrationen in den kurdischen Gebieten getötet würde. Nach seiner Beerdigung sind zwei Demonstranten in al‑Qamischli getötet worden. Der Protest von Hunderttausenden ist jedoch ausgeblieben. Wie kommt das?
Rezan Bahri Schaikhmus: Die kurdische politische Bewegung hat noch am Abend von Mischʿals Ermordung Maßnahmen ergriffen, um die Zahl der Beerdigungsteilnehmer gering zu halten. Man hat Kontakt mit der Familie aufgenommen und sie davon überzeugt, Mischʿal in seinem Dorf zu beerdigen. Wir als Zukunftsbewegung wollten ihn in al‑Qamischli beerdigen, um seinen Trauerzug und die Trauertage danach in große Demonstrationen zu verwandeln. Wenn die Kurdische Patriotische Konferenz nicht in der Lage ist, einen einzelnen Menschen zu verteidigen, wie kann sie sich für die Rechte eines Volkes einsetzen? Die kurdischen politischen Parteien wollen nicht, dass die Kurden gegen das Regime demonstrieren.

KurdWatch: Wer hat entschieden, wo Mischʿal beerdigt wird?
Rezan Bahri Schaikhmus: Die Familie. Aber die kurdische Bewegung hat Vertreter zu Mischʿals Mutter geschickt und sie gefragt, ob noch weitere Personen sterben sollen wie ihr Sohn, weil dieser in al‑Qamischli beerdigt wird. Die Mutter wurde unter Druck gesetzt und so kam es zu der Entscheidung, ihn in seinem Dorf zu beerdigen. Wäre eine andere Entscheidung getroffen worden, hätten auch die Demonstrationen eine andere Wendung genommen.

KurdWatch: Wie geht es Mischʿals Sohn Marsil und Zahida, die beide bei dem Anschlag auf Mischʿal verletzt worden sind?
Rezan Bahri Schaikhmus: Beiden geht es den Umständen entsprechend gut. Marsil geht es besser als Zahida. Sie hat zwei Schüsse ins Bein bekommen. Es waren Dumdumgeschosse, die ihren Knochen zersplittert haben. Es wird lange dauern, bis sie wieder ohne Hilfe wird gehen können.

KurdWatch: Will die Zukunftsbewegung mit der Kurdischen Patriotischen Konferenz zusammenarbeiten? Wenn ja, unter welchen Bedingungen?
Rezan Bahri Schaikhmus: Mit der Konferenz können wir aufgrund ihrer Haltung zum Regime und zur syrischen Revolution derzeit nicht zusammenarbeiten. Wenn sie jedoch zu den folgenden Punkten klar Stellung bezieht, dann steht einer Zusammenarbeit nichts im Weg. Erstens muss die Konferenz eine klare Position zum syrischen Regime vertreten. Zweitens müssen Mechanismen entwickelt werden, um die syrische Revolution in den kurdischen Gebieten stärker zu unterstützen. Drittens müssen konkrete Forderungen in Bezug auf die Rechte der Kurden im neuen Syrien formuliert werden, unabhängig von äußeren Einflüssen und im Interesse der syrischen Kurden. Schließlich müssen, viertens, die Aktivisten und die Unabhängigen stärker in der Kurdischen Patriotischen Konferenz vertreten sein.

KurdWatch: Was ist mit einer "klaren Position zum syrischen Regime" gemeint? Diese Formulierung ist selbst alles andere als klar.
Rezan Bahri Schaikhmus: Wir sagen klar, dass das Regime gestürzt werden muss. Wir haben keine Hoffnung mehr, dass dieses Regime irgendetwas für das Volk tun kann. Wir sagen das nicht erst seit heute. Wir sagen seit unserer Gründung 2005, dass wir uns als eine Oppositionsbewegung verstehen. Deshalb haben wir alle Gespräche mit dem Regime abgelehnt.

KurdWatch: Werdet ihr weitere Gespräche mit Vertretern der Kurdischen Patriotischen Konferenz führen?
Rezan Bahri Schaikhmus: Die Tür für einen Dialog steht jederzeit offen. Allerdings arbeiten wir an der Gründung einer neuen politischen Gruppe, der Union der Kurdischen Demokratischen Kräfte; sie wird voll auf die Revolution ausgerichtet sein. Es ist möglich, dass dann ein Komitee gegründet wird, um zwischen uns und dem anderen kurdischen Bündnis zu koordinieren.

KurdWatch: Die Gruppen, die in diesem Block vertreten sein werden, sind entweder nur im Ausland aktiv und haben keine Basis in Kurdistan, wie beispielsweise die Einheitspartei Kurdistans in Syrien, oder aber sie haben kaum Anhänger, wie etwa die Kurdische Demokratische Partei - Syrien von ʿAbdurrahman Aludschi. Nur die Zukunftsbewegung und die Koordinationsgruppen der Aktivisten sind politisch in Syrien aktiv. Schadet es der Zukunftsbewegung nicht, mit diesen schwachen politischen Gruppen zusammenzuarbeiten?
Rezan Bahri Schaikhmus: Es gibt siebzehn oder achtzehn kurdische Parteien in Syrien. Auch in der Kurdischen Patriotischen Konferenz sind große und kleine Parteien vertreten. So ist es auch bei unserem Block. Wir haben Parteien mit einer breiten Basis, andere haben weniger Einfluss. Was uns verbindet, ist unsere gemeinsame politische Haltung. Wieso sollten wir auf dieser Basis nicht zusammenkommen? Wir wollen ein ziviles, pluralistisches und demokratisches Syrien aufbauen. Wir finden es nicht schlimm, wenn es zwei kurdische Blöcke gibt, die neben der Partei der Demokratischen Union (PYD) die Kurden in Syrisch-Kurdistan vertreten. Es sind eben zwei Blöcke, die zwei verschiedene politische Richtungen vertreten.

KurdWatch: Glaubt ihr wirklich, dass man mit ʿAbdurrahman Aludschi und ʿAbdulbasit Hammu eher einen modernen syrischen Staat aufbauen kann als beispielsweise mit ʿAbdulhakim Baschar?
Rezan Bahri Schaikhmus: Wir setzen unsere Hoffnung vor allem in unsere jungen Aktivisten und ihre Koordinationskomitees. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass die Kurden ein Teil der syrischen Revolution sind. Was diese jungen Menschen in acht, neun Monaten erreicht haben, haben die kurdischen Parteien in fünfzig Jahren nicht erreicht. Mit ihnen wollen wir das neue Syrien aufbauen. Mit ihnen wollen wir einen neuen Block bilden, in der Hoffnung, später gemeinsam eine neue, einflussreiche kurdische Partei zu gründen.

KurdWatch: Abgesehen von der Yekîtî ist die Zukunftsbewegung die einzige Partei, die seit acht, neun Monaten mit den Aktivisten demonstriert. Die anderen Parteien beteiligen sich erst seit einem Monat an den Demonstrationen in den kurdischen Gebieten. Dennoch haben sich sechs Jugendgruppen der Kurdischen Patriotischen Konferenz angeschlossen. Warum?
Rezan Bahri Schaikhmus: Diejenigen, die sich der Kurdischen Patriotischen Konferenz angeschlossen haben, vertreten nicht die unabhängige Jugend; sie sind Teil dieser Parteien.

KurdWatch: Inwiefern unterscheiden sich eure kurdenspezifischen Forderungen von denen der Kurdischen Patriotischen Konferenz?
Rezan Bahri Schaikhmus: Die wesentliche Differenz liegt in unserer Haltung zum Regime und zur syrischen Revolution sowie in unseren Beziehungen zur Opposition. Wir sagen, dass die Kurden in der neuen syrischen Verfassung als eine Hauptethnie anerkannt werden müssen. Sie sagen, die Kurden sind die zweite Ethnie im Land. Zweite Ethnie bedeutet, dass wir nicht gleichberechtigt sein werden. Hauptethnie heißt, wir sind ebenbürtige Partner in diesem Staat. Die anderen kurdischen Parteien sehen die kurdische Frage als eine regionale Angelegenheit an, wir hingegen wollen Partner in ganz Syrien sein. Wir sagen, so wie die Araber in unserer Regionen Partner sind, so sind wir Partner in ihren Regionen. Wir wollen auch an den politischen Prozessen in anderen Teilen Syriens beteiligt sein, in denen es keine kurdische Mehrheit gibt, wie etwa in Damaskus. Wir wollen mit den Arabern gemeinsam das neue Syrien aufbauen und Verantwortung übernehmen.

KurdWatch: Ende November hatte die Regionalregierung Irakisch-Kurdistans einundzwanzig Mitglieder der Kurdischen Patriotischen Konferenz nach Erbil eingeladen, um über die Lage der Kurden in Syrien und die syrische Revolution zu sprechen. Nach der Rückkehr der Delegationsteilnehmer soll es zu Zerwürfnissen gekommen sein. Was ist passiert?
Rezan Bahri Schaikhmus: Während in ganz Syrien eine Volksrevolution stattfindet, streitet und ringt die Kurdische Patriotische Konferenz um Geld, mit dem ihre Mitglieder in Irakisch-Kurdistan bestochen worden sind, damit die irakischen Kurden an Einfluss gewinnen. Salih Gado hat seinen Rücktritt aus dem Exekutivkomitee bekannt gegeben, nachdem jeder der einundzwanzig Delegierten von der KDP‑Irak zehntausend US‑Dollar erhalten haben soll. Dieses Verhalten ist beschämend und politischer Organisationen unwürdig. Es muss Konsequenzen haben.

KurdWatch: Wie sehen Sie die Zukunft der Zukunftsbewegung? Wird sie ohne eine charismatische Führungsfigur wie Mischʿal at‑Tammu in der Bedeutungslosigkeit verschwinden?
Rezan Bahri Schaikhmus: Ich bin der Überzeugung, dass die Zukunftsbewegung in der Zeit der Revolution und beim Aufbau des neuen Syriens eine Rolle spielen wird. Tag für Tag steigt die Zahl der Freunde und Anhänger der Zukunftsbewegung. Mag sein, dass wir heute niemanden haben, der Mischʿals Platz einnehmen kann. Er hatte wirklich Charisma, verfügte über Führungsqualitäten. Wir versuchen, die Leere zu füllen, die er hinterlassen hat, indem wir die Institutionen der Zukunftsbewegung aktivieren, Teamarbeit forcieren und alle an der Formulierung politischer Entscheidungen beteiligen. Wir in der Zukunftsbewegung sind entschlossen, die Politik von Mischʿal at‑Tammu fortzusetzen; eine Politik, die den Interessen des kurdischen und des gesamten syrischen Volkes dient.

18. Dezember 2012

www.kurdwatch.org -  © 2009 - 2011 [ E-Mail: info@kurdwatch.org ]